Daily Life

Pino

4. Oktober 2019

Mehr als Handarbeit: die Masterarbeit von Manuel Immler, entstanden im Studiengang „Eco-Social Design“ an der Uni Bozen

Manuel Immler über Küchengeräte, Nachhaltigkeit und Pino:

Pino ist eine handbetriebene, mechanische Küchenmaschine, die die Frage stellt, wie viel ist genug? Benötigt jeder fünf verschiedene Küchengeräte mit jeweils einem eigenen Elektroantrieb? Mit nur einer Handkurbel und drei Gängen erlaubt Pino beinahe alle gängigen Aufgaben in der Küche auszuführen, sei es kraftvoll wie Mahlen oder besonders schnell wie Eischnee schlagen. Pino ist mit der Maxime gestaltet, langlebig und reparierbar zu sein, darüber hinaus kommen nur Materialien zum Einsatz, die in Kreisläufen zirkulieren können, etwa Stahl und Holz.

Ziel dieser Arbeit war es, die Handlungsräume des nachhaltigeren Produktdesigns auszuloten und zu erproben. Wie spielen Material, technische Ansprüche und Ästhetik zusammen? Kann ein überzeugendes Produkt entstehen, auch wenn die Werte der Nachhaltigkeit an erster Stelle stehen?

Die Küchen sind heute häufig überfüllt mit allerlei Gerätschaften, mal kurzlebig aus Plastik, oder äußerst Komplex und Fehleranfällig mit Stromversorgung, Elektronik Motor und Getriebe. Wenige dieser Geräte sind darauf ausgelegt lange zu überdauern und werden häufig ohne Zögern ersetzt, da sich die Reparatur nicht lohnt. Doch ist für jeden Handgriff ein eigenes Gerät nötig? Kann eine einzige Antriebseinheit viele verschiedene Tätigkeiten ermöglichen?

Pino ist eine stromlose Küchenmaschine mit Handkurbelantrieb, die sich durch Langlebigkeit und Reparierbarkeit auszeichnet. Dabei geht es nicht vorrangig um den Energieverbrauch, sondern um die Frage, mit welchen Geräten wir uns umgeben wollen. Sind es kurzlebige Maschinen die in wenigen Jahren auf dem Müll landen, oder Geräte, die es Wert sind repariert und über Jahrzehnte gepflegt zu werden?

Der bewusste Verzicht auf Elektronik und die damit einhergehenden Komplexität – vor allem die Rohstoffe betreffend – erfordert neue Grenzen auszuloten, nämlich die der Muskelkraft aber auch den Drang des Menschen, stets jene Option zu wählen, die am wenigsten Mühe verspricht. Somit stellt Pino die Frage der Genügsamkeit auf unterschiedlichsten Ebenen und wird damit zum Artefakt für nachhaltige Lebensstile.

Ein langlebiges Gerät stellt nicht nur Anforderungen an die Technik und Werkstoffe, sondern auch an die äußere Gestaltung. Der Begriff von Schönheit aber auch die Mode sind im Lauf der Zeit eine Wandel unterworfen und so muss die Formgebung und Auswahl der Materialien bestmöglich einer Zeitlosen Ästhetik angepasst sein. Bei Pino kommen bewusst nur sehr einfache Formen und Radien zum Einsatz, die versuchen, interessant genug zu sein und dennoch unaufdringlich. So besteht die Chance, auch in Zukunft toleriert oder gar geschätzt zu werden.

Da sich die Kernbotschaft von Pino um die Nachhaltigkeit dreht, soll auch die Erscheinung davon erzählen. Das Gehäuse ist zu großen Teilen aus Holz gefertigt, nicht nur weil der Werkstoff als nachhaltig gilt, sondern besonders, weil Holz würdevoll altert und damit über lange Zeiträume attraktiv bleiben kann.

Pino soll nicht günstig wirken, er schafft bewusst einen hohen Wert – sowohl im Gebrauch aber auch durch die Werkstoffen. Die Echtheit der Materialien und die Qualität schaffen die Basis für die Wert-Schätzung und damit einer Beziehung zum Produkt. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für einen langen Einsatz.

Pino ist für die Küche gemacht strahlt Ruhe aus und Wohnlichkeit. Aber auch Robustheit. Pino ist kein Beschleuniger, er verspricht nicht die Aufgaben schneller oder bequemer zu lösen. Pino lädt zum bedachten Umgang ein, zur Wahrnehmung des Moments. Er verlangsamt und schafft damit Bedeutung. Er lädt dazu ein, Zeit in der Küche zu verbringen, Zeit für Begegnung, für Beziehungen für Familie, zum gemeinsamen Kochen.

Auch die inneren Werte stehen unter der Maxime der Nachhaltigkeit. Die Werkstoffe sollen möglichst Regional gewonnen und verarbeitet werden. Aufgrund der Langlebigkeit kommen verschiedene Metalle zum Einsatz. So ist der Standfuß aus Gusseisen, die Zahnräder aus Messing und die Verbindungsteile aus Stahlblech. Das Gehäuse wiederum besteht aus gepressten Furnieren aus regionalen Hölzern. Holz zeichnet sich dadurch aus, dass es unerschöpflich ist und schadstoff- und emissionsneutral an die Natur zurückgegeben werden kann.

Um eine Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen, werden die Werkstoffe aus regionalen Kreisläufen entnommen und nach dem Lebensende des Produktes auch wieder dahin zurückgegeben. Für Holz und Metall, aber auch für Glas sind diese Kreisläufe heute schon etabliert.

In der Verwendung wandelt Pino die Kraft der Hand in die Kraft des Werkzeugs um. Er ist keine Maschine, welche die Arbeit abnimmt, sondern nur umwandelt. Es ist immer noch die Hand, die die Bewegung ausführt. Dennoch erweitert er die Fähigkeiten der Hand, macht sie schneller oder stärker.

Mit Hilfe eines dreistufigen Getriebes kann Pino die Drehung der Kurbel auf über 1000 Umdrehung pro Minute transformieren, so dass auch Eischnee und Sahne problemlos gelingen. Auch Aufgaben, die größere Kräfte benötigen wie das Mahlen von Getreide oder das Kneten von Teig können mit Pino problemlos ausgeführt werden. Über einen einfachen Bajonettanschluss können verschiedene Werkzeuge angebracht werden. Es sind unterschiedlichste Werkzeuge denkbar, vom Schneebesen über eine Kaffeemühle oder eine Flockenquetsche. Auf diese Weise kann die Funktionsumfang an die eignen Bedürfnisse angepasst werden und die Funktionalität mit der Zeit erweitert werden.

Der mechanische Antrieb ist robust konstruiert und auf Langlebigkeit optimiert. Ebenso ist Reparierbarkeit ein wichtiger Faktor. Sollte es einmal notwendig sein, nach vielen Jahren Betrieb ein Zahnrad auszutauschen, ist das Getriebe einfach zugänglich und aufgrund von Gleichteilen einfach zu reparieren.

Gewiss wird das Gehäuse mit der Zeit Gebrauchspuren aufzeigen, die durch das Holz aber in einer wertvollen Patina äußern. Wenn die Zeit jedoch gekommen ist, können die Holzteile dennoch einfach ausgetauscht werden. Sollte sich dann der Geschmack oder der Besitzer geändert haben, stehen andere Hölzer und Färbungen zur Verfügung, damit Pino wieder viele Jahre seine Benutzer erfreuen kann.

Fotos: Maita Petersen

Zeichnungen und Renderings: Manuel Immler

manuelimmlerdesign.de

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