Daily Life

Messner Haus

19. Juli 2019

Am Fuße des Schlern auf der malerischen Seiser Alm (Bozen) wird ein Stadel als Haus zu neuem Leben erweckt. Das von noa* (network of architecture) realisierte Projekt orientiert sich an Südtiroler Tradition und überrascht mit seiner visionären und unerwarteten Inneneinrichtung: ein fast magisches Ambiente wie aus Kindheitstagen.

Die Architektur des Hauses orientiert sich an den ländlichen Gebäuden des Ortes

Den Dialog mit der Tradition suchen, sich aber gleichzeitig von ihr lösen, um die eigene Identität, eine neue Lebensweise und einen neuen Wohnraum zu definieren. Inspiriert durch Erinnerungen an eine Kindheit im Hochgebirge. Das war – kurz gesagt – die Herausforderung für noa* bei der Entwicklung des neuen Hauses in Seis am Schlern, das anstelle eines verlassenen Hauses mitten im Dorf gebaut werden sollte.

Das Ende 2017 abgeschlossene Projekt ist Teil eines höchst sensiblen Ambientes. Wir befinden uns in Südtirol, 1.100 Meter über dem Meeresspiegel, am Fuße der Seiser Alm, die wegen ihrer atemberaubenden Landschaft zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurde. Deshalb war es wichtig, die ursprüngliche Bauweise und Architektur des Dorfes zu berücksichtigen. Doch für Stefan Rier (Foto unten), der zusammen mit Lukas Rungger noa* gegründet hat, und in diesem Fall auch sein eigener „Auftraggeber“ war, bot das Projekt die Möglichkeit, seinem Haus mithilfe von Erinnerungen aus der eigenen Kindheit eine persönliche Note zu verleihen und sich von den traditionellen Gepflogenheiten zu lösen.

„Unser Ziel war es, dass sich das Haus in die Ästhetik und Architektur des Dorfes einbindet, die durch Paarhöfe aus Feuerhäusern und Holzstadel geprägt ist.“, erklärt Architekt Rier. „Aus diesem Grund haben wir die Fassade des Gebäudes auf allen Seiten traditionell mit einer Holzstruktur gestaltet, damit es wie ein typischer Stadel aussieht. Bei den Innenräumen entschied ich mich dafür, mit der Tradition zu brechen und mich von festgelegten Einschränkungen und Mustern zu befreien. Um nach vorne zu schauen…und ein wenig weiter zurück, auf die schönen Jahre meiner Kindheit.“

Das Ergebnis ist ein Haus mit zwei entgegengesetzten Seelen. Von außen ein traditionelles Haus in den Alpen, das sich in die wunderschöne umliegende Landschaft eingliedert. Und innen die visionäre Seele, die Überraschung eines Raums ohne Klischees: durchlässig, osmotisch und innovativ.

Im Erdgeschoss befindet sich ein Gemeinschaftsraum, eine Art Piazza für alle: Es gibt einen Esstisch für die gemeinsame Zeit mit Freunden und eine große Küche zum gemeinsamen Kochen. Doch dann entwickelt sich das Haus vertikal und die klassischen Räume werden durch „schwebende Boxen“ ersetzt, die auf unterschiedlichen Höhen platziert und über Treppen und Gehwege miteinander verbunden sind. Beim Aufsteigen hat man das Gefühl, den Gipfel eines Bergs zu erklimmen. Doch die Erschließungswege sind nicht nur funktionale Verbindungselemente. Sie bieten auch Platz für die übrigen Räume, wie die Bibliothek und die Badezimmer mit offenen Badewannen und Duschen (nur die Toiletten sind nicht sichtbar). Das gesamte Gebäude ist so konzipiert, dass die Privatsphäre und Intimität mit zunehmender Höhe wachsen. In der höchsten Box befindet sich die Sauna mit Blick auf den Santner.

Die revolutionäre Anordnung der Räume ist auch von außen sichtbar und bildet eine Art Gegensatz zu den traditionellen Fassaden. Im Norden sind die beiden mit Kupfer verkleideten Boxen der Räume hinter der vorgesetzten Holzfassade sichtbar und erzeugen einen starken Materialkontrast. Im Süden dagegen wird die Fassade aus Glas durch die Sauna-Box durchbrochen.

Eine äußerst innovative und mutige Architektur, die aber auch einen Hauch von Tradition hat. Der Blick auf die Konstruktion aus Lärchenholz, der die schwebenden Boxen trägt, auf das Holzbalkendach in 12 Metern Höhe und auf die offenen Räume erinnert scheinbar an die alten Stadel. „Ich habe meine Kindheit mit Spielen in Stadeln verbracht“, sagt Stefan Rier. „Und das Schönste in meiner Kindheit war, hochzuklettern und dann ins Heu zu springen. Vielleicht wäre ich ohne diese Erfahrungen als Kind nie darauf gekommen, dieses Haus zu entwerfen…“

Die Architektur des Hauses orientiert sich an den ländlichen Gebäuden des Ortes. Auf dem Fundament aus Stein (10 m x 8 m) steht eine Konstruktion aus Lärchenholz, die über drei Etagen geht und das für die Häuser im Dorf typische Satteldach trägt. Eine vorgehängte Fassade aus Holz umgibt das gesamte Haus wie eine Hülle, schützt gegen Sonneneinstrahlung an warmen Tagen und suggeriert die typische Bauform eines alpinen Stadels. Zwei Boxen aus Kupfer und eine aus Glas „stechen“ aus der Fassade jeweils auf der Nord- und Südseite hervor und zeigen bereits von außen die komplexe und einzigartige Anordnung der Innenarchitektur. Auf der Südseite blicken die großen Fenster, der Außenbereich und die Terrasse des Gebäudes auf die Landschaft der Dolomiten, die vom Schlerngebirge dominiert wird.

Im Innenbereich sind die Räume und Funktionen wirklich außergewöhnlich aufgeteilt. An der Tragkonstruktion aus Holz, die komplett sichtbar ist (12 Meter hoch), wurden die Boxen befestigt, in denen sich die drei Schlafzimmer befinden. Diese Räume wurden wie Minihäuser mit einem jeweils anderen Design entworfen und scheinen im großen Innenraum (1.100 Kubikmeter) zu schweben. Zu den Räumen gelangt man über eine Treppe und ein System aus Stegen, die neben ihrer Funktion als Verbindungselemente auch Platz für die Bäder mit sichtbarer Dusche und Badewanne bieten (nur die Toilettenräume sind geschlossen). Auf der letzten Ebene gibt es eine Box, die aus der verglasten Südfassade heraustritt: In ihr befindet sich die Sauna mit Panoramablick. Davor eine Bibliothek mit einem Kachelofen aus dem alten Haus und ein Garderobenbereich, welche die Räume der oberen Ebenen ergänzen.

Das Erdgeschoss ist ein großer offener Raum mit drei unterschiedlichen Funktionsinseln: die Plauderecke, der Essbereich und die Küche mit einer sehr großen Küchenzeile aus Naturmessing, die seitlich mit Terrakottafliesen aus handwerklicher Produktion verkleidet ist.

Fotos: Alex Filz; Portrait: Mads Mogensen

Text: Laura Ragazzola

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