Daily Life

Lesetipp: RATE WER ZUM ESSEN BLEIBT von Philipp Tingler

11. Oktober 2019

Für Franziska ist es das wichtigste Abendessen ihres Lebens. Oder wenigstens in diesem Jahr. Ihre Karriere hängt davon ab. Und die läuft nicht so ganz nach Plan in letzter Zeit. Das stresst Franziska ebenso wie der bevorstehende Besuch ihres Bruders. Wenigstens ist in ihrer Ehe mit Felix alles in Butter. Oder nicht? Wichtiges Abendessen jedenfalls. Und dann platzt Conni Gold ins Haus. Sie ist die Freundin, die Franziska nie haben wollte. Und nichts mehr geht nach Plan. Temporeich, entlarvend und umwerfend komisch – ein Tingler halt!

DIE FALSCHEN KIRSCHEN

»Felix, das ist der wichtigste Abend meines Lebens!« »Du übertreibst.«
»Nein, du übertreibst! Wegen ein paar Kirschen! Heute sollte es nur um mich gehen.«
»Zissel«, sagte Felix zu seiner Frau und drehte sich dabei um die eigene Achse, zwischen zwei Säulen, denn das Gespräch wurde telefonisch geführt und er stand am Rande eines belebten Theaterfoyers, »du musst dir keine Sorgen machen. Ich bringe Mara- schino-Kirschen mit. Alles wird gut.«

»Wenn das so einfach wäre.«
»Das ist so einfach.«
»Mir ist noch eingefallen: Was machen wir, wenn sie kein Fleisch essen?«
»Ich esse sogar Fleisch im Flugzeug.«
»Ich weiß, dass du Fleisch isst. Ich rede von unseren Gästen.«
»Verzeihung«, erwiderte Felix, »die Verbindung ist schlecht.«

Dabei blickte er versehentlich direkt ins Gesicht einer Dame, die wohl im Publikum gesessen hatte und sich anschickte, das Theater zu verlassen. Sie trug eine Art Cape über dem Arm, und ihre Haut spannte sich dünn und trocken, beinahe durchsichtig, über den Wangenknochen.

»Hallo Felix? Bist du noch da? Ich meine die Gäste. Wenn die kein Fleisch essen. Was dann?«

»Für diesen Fall haben wir eine fleischlose Alternative.«

»Wo?«
»Wie wo?«
»Felix«, sagte Franziska, und sie sprach dabei den Namen ihres Mannes aus, als hätte er nur eine Silbe, »kannst du dich bitte konzentrieren. Dieses Abend- essen ist sehr wichtig für mich. Für uns. Ich bin davon überzeugt, genau heute Abend an einem dieser ent- scheidenden Punkte im Leben angekommen zu sein, in denen sich der Weg in die Zukunft gabelt: letzte Chance oder der Abzweig ins ewige Mittelmaß.«

»Ich habe ein super Gefühl bei der Sache.«
»Ich nicht. Mir ist gar nicht wohl.«
»Kriegst du Kopfschmerzen?«
»Nein, es ist mehr so – innerlich. So ein unbestimmtes Gefühl in den Eingeweiden, dass meine gesamte weitere Karriere von diesem heutigen Abendessen abhängt, und wenn das fehlschlägt, kann ich mir ebenso gut die Zunge bleichen lassen und einen Stand für Kaschmirschals in irgendeinem Einkaufszentrum aufmachen. Bei den Rolltreppen.«

»Wieso die Zunge bleichen?«
»Das habe ich auf Netflix gesehen.«
»Alles wird gut werden, Zissel. Du musst dir überhaupt keine Sorgen machen. Null.«

Tatsächlich war das bis jetzt kein so guter Tag für Felix gewesen. Beim Verlassen des Hauses war er beinahe von einem Elektro-Rollstuhl überfahren worden. Am Mittag hatte er auf der Bühne ein Matinee-Gespräch mit einem berühmten Philosophen geführt, der neuerdings für gewisse Ansichten ins Gerede gekommen war. Anschließend stand man beisammen im Foyer des Theaters, mit der Chefdramaturgin, dem Intendanten und einigen Gästen, und sprach über die sehr zweischneidige Mode, Wohnungen mit ganzwändigen Fenstern auszustatten. Mitten in diesem Gespräch erschien eine Dame gesetzteren Alters, die aussah wie ein sterbendes viktorianisches Kind, und empfahl Felix einen ihm vollständig unbekannten Autor zur Besprechung im Buchclub, jener traditionsreichen Fernsehsendung, in der er regelmäßig in einer Runde von Kritikern über Neuerscheinungen auf dem Literaturmarkt debattierte. Der Autor, den die Dame empfahl und für chronisch unterschätzt hielt und also dringend im Fernsehen besprochen sehen wollte, lebte augenblicklich in Berlin (natürlich, sagte sie) und habe überhaupt kein Geld. Natürlich. So seufzte sie, indes weniger unglücklich als vielmehr, um der Unabänderlichkeit eines zutiefst ungerechten Weltenlaufs ein Siegel aufzudrücken, also letztlich ganz zufrieden. Was Felix, der genug Geld hatte, sich einen Lüpertz an die Wand zu hängen, missfiel. Ihn verstimmte stets die Unterstellung von Brotlosigkeit der Kunst. Sie gab sich als Mitgefühl, schien ihm aber in Wahrheit der letzte Trost von prosaischen Existenzen zu sein.

 

Autorenfoto: Nathan Beck

Rate, wer zum Essen bleibt, Philipp Tingler, erschienen am 8.Oktober bei Kein & Aber

Lesungen: 26. Oktober: Zürich, im Rahmen von Zürich Liest, 6. November: Geistesblüten, Berlin, 20. Februar: Kantonsbibliothek, Liestal, März 2020: Köln, im Rahmen der lit.COLOGNE mit Elke Heidenreich

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