Daily Life

Lesetipp: ALLES AUF ANFANG von Manuel Möglich

23. März 2018

Manuel Möglich begegnet Visionären und Phantasten, Finanziers und Hippies, Revolutionären und Aussteigern, und er versucht zu ergründen, was diese Menschen dazu bringt, alles zu wagen. Klar ist am Ende: Manche Utopie ist nicht so weit entfernt, wie man zunächst glauben möchte – und es lohnt sich auf jeden Fall, das eigene Leben hin und wieder auf den Prüfstand zu stellen. Eine Reise zu großen Träumen

Eine Welt ohne Geld? Zu Gast bei den Nomadelfen (Toskana)

Ich sehe im Rückspiegel die Mautstation kleiner werden. Der Beamte in seinem Kasten hat nicht meinen Ausweis verlangt, etwas Hartgeld reichte, und schon hob sich der Schlagbaum in die tief hängenden Regenwolken. Geld öffnet Türen.

Hinter dem Brenner erstrahlt Europa wie Gold. Auf dem letzten Stück vor dem Pass haben die dicken Tropfen nachgelassen. Mit jedem gefahrenen Meter verwandelt sich das glänzende Schwarz des Asphalts mehr in ein mattes Hellgrau. Das Firmament wirkt auch gleich heller, freundlicher. Vor dem Dolomitenpanorama, vom Tal hinauf bis zu den allzeit schneebedeckten Gipfeln, zeigt sich die Natur maximal dramatisch, gewaltig. Im langen Schatten der Berge erscheint die eigene Existenz mickrig und unbedeutend.

Südtirol soll nur ein Zwischenstopp sein, nicht der Beginn einer italienischen Reise, wie sie ein gewisser Johann Wolfgang von Goethe unternommen hat. Der war von diesem Landstrich nicht weniger fasziniert als ich: «Alles, was auf den höheren Gebirgen zu vegetieren versucht, hat hier schon mehr Kraft und Leben, die Sonne scheint heiß, und man glaubt wieder einmal an einen Gott.» Zu Gott habe ich das letzte Mal als Kind gebetet, mein Glaube ist höchstens Relikt. Vom Wort des Allmächtigen wird diese Reise gen Süden trotzdem handeln, da bin ich mir sicher.

«Rot oder weiß?», erkundigt sich Albert, der Besitzer des kleinen Agriturismo-Hofs unweit von Bozen. Wie sich herausstellt, hat er nur darauf gewartet, dass ich um seine Empfehlung bitte.

«Bis zwölf om Mittog trink wirn Weißwein, drnoch nurn Rotn. Der mocht net aggressiv.»

Ein schnarchiger Kalenderspruch, aber ich will dem Chef nicht den Fehdehandschuh hinwerfen und füge mich. Die dickbauchige Flasche mit der dunklen Flüssigkeit präsentiert Albert wie einen Schatz.
Während ich trinke, steigt am Nachbartisch langsam der Lärmpegel. Der Weißwein muss schuld sein, was sonst, denke ich, doch ich liege falsch. Sommelier Albert diskutiert aufgebracht mit einem Paar. Es geht um den Zustrom von Flüchtlingen, alle echauffieren sich. Die Außengrenzen des Landes sollten dichtgemacht werden, schwadronieren sie, die Zeit dafür sei reif. Nach einer differenzierten Auseinandersetzung klingt das nicht, für letzte Gewissheit sorgt die flache Hand, die wieder und wieder laut auf den Tisch klatscht und die «Love-Peace-&-Harmony»-Stimmung zerstört. Gift liegt in dieser nasalen Empörung. Alles, was eben noch golden geschimmert hat, wird augenblicklich zu Rost.

«Wie wäre es mit konstruktiven Vorschlägen?»
Denke ich mir und sage es nicht, dabei hätte ich mich einmischen sollen. Längst hat sich der Rotwein wie ein schwerer Mantel um mich gelegt, nimmt mir die Luft, die Sprache, jede Schlagfertigkeit. Ich halte also die Klappe und verachte mich dafür, weil Schweigen Tolerieren heißt. Weit über dem Meeresspiegel sind es dieselben Sorgen und schaurigen Tiraden des Untergangs, die auch im Tiefland durch die Köpfe spuken. Lö-sungsansätze, Ideen oder einfach nur Mitgefühl: Fehlanzeige. Aber warum sollte man hier anders denken als an so vielen Orten in Europa? Hier, wo die Mehrheit sich als Minderheit versteht, viele von der Autonomie Südtirols träumen und die Ab- spaltung von Italien herbeisehnen. Am Nachbartisch ammt die Sorge hell auf wie ein Bengalo.

«Mit welchm Schouder solln die bezohlt werdn?» Geld schließt Türen.

Bin ich wirklich aufgebrochen, um mich am Nachmittag mit Rotwein zu betrinken und mir diese Art von Gespräch anzuhören? Nein.

Alles auf Anfang stellen, eine neue Grundierung auftragen, um mit frischen Farben ein verheißungsvolles Bild zu malen. Und das nicht alleine, sondern gemeinsam mit anderen, jeder kriegt einen Pinsel und darf mit ran.

Was sich so einfach anhört, erfordert vor allem eines: Mut. Denn nicht immer ist das, was man sich so ausmalt, in der unmittelbaren Umgebung zu verwirklichen. Dennoch gibt es diese Menschen, die keinen Bock mehr haben auf Theorie und den Praxistest wagen. Die sich nicht länger mit Kompromissen zufriedengeben und den Traum von einem vollkommen anderen, besseren Leben zu leben versuchen. Ob es ihnen gelingt? Ebendas will ich heraus nden. Ich bin losgezogen, um in Europa und darüber hinaus Leute zu treffen, die schon heute oder in naher Zukunft eine Utopie verwirklichen wollen.

Porträt: Dennis Dirksen

Manuel Möglich, Alles auf Anfang – Auf den Spuren gelebter Träume

254 Seiten bei rowohlt

Eine Welt ohne Geld und Eigentum lernt Möglich bei den Nomadelfen kennen, einer urchristlichen Gemeinschaft in der Toskana. Ob die freie Liebe (neudeutsch «Polyamorie») die Lösung aller Probleme ist, soll sich bei den Kirschblütlern in der Schweiz zeigen. Möglich unterwirft sich auf der Suche nach innerer Einkehr dem mönchischen Alltag im Benediktinerkloster, erklettert die Baumhäuser junger Umweltaktivisten im Hambacher Forst und träumt mit Tech-Freaks auf dem kalifornischen RAAD-Festival von Cyborgs und Unsterblichkeit. Oder müssen wir die bessere Zukunft, wie die Initiatoren der niederländischen Mars-One-Expedition glauben, gar auf einem anderen Planeten suchen?

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