Daily Life

Leseprobe: WURST von Fritz Hendrick Melle

12. Oktober 2018

»Wurst« ist ein Roman mit Schock-Elementen. Er spielt in einer Zeit, in der Ernährung Religions- und Ideologieersatz ist und die Aggressivität zunehmend Blasen auf dem Asphalt wirft. Frederic Baecker ist Ende vierzig. Als Mann und Vater ist er ein Versager, als Berater ein Globalisierungsopfer. Eines Tages wird er von einem Fremden angesprochen: Der Koch Stefan Meester will ihn engagieren, um eine Marke für 100 % regional produzierte deutsche Wurst aufzubauen. Fritz Hendrick Melle hat mit WURST den Roman unserer ernährungsideologisch verseuchten Gegenwart geschrieben – eine bitter­­böse und gewalttätige Abrechnung mit Vega­nismus, Hipstertum und kapitalistischen ­Mechanismen im digitalen Neuland-Zeitalter.

Alles brennt. Alles.

In einem Leben davor habe ich eine Frau, ein Kind und ein Haus. Ich arbeite viel. Ich bin freier Berater. Das Kind wird groß und zieht aus. Die Frau wird Buddhistin. Sie sagt, ich soll meine Wut umarmen, sonst bringt die Wut mich um. Bevor ich die Frau umbringe, gehe ich Holz hacken für den Kamin. Ich hacke viel Holz. Das hält fit. Die Frau fährt auf Retreats. Ich versuche, Geld zu verdienen. Kredite, Rechnungen, Steuern – das Leben muss bezahlt werden. Die Frau trägt ein rotes Bändchen am Handgelenk. Sie sagt, ihr Lama sagt, dass sie ihren eigenen Weg gehen muss, weil niemand den Weg eines anderen gehen kann. Ich sage ihr, dass sie das doch schon all die Jahre macht. Die Frau ist das Kerosin. Meine Wut ist das Feuerzeug. Kurze Zeit später ziehe ich auf richterliche Anordnung hin aus. Die Frau behält das Haus. Ich bekomme die Couch von BoConcept und die Stehlampe von Artemide. Ich bekomme den Breuer-Sessel und die Vasensammlung von Philippe Starck. Ich packe die zwei handsignierten Bilder von Daniel Josefsohn ein. Ich behalte einige nützliche Küchengeräte von Alessi.

Am Tag des Umzuges ist ein Betonmischer zu schnell im Kreisverkehr am Großen Stern unterwegs. 50 Tonnen Stahl und Beton kippen auf den 12-Tonnen-Kastenwagen der Umzugsfirma. Danach sind meine Möbel einen Tag lang berühmt; der BZ sind sie eine halbe Seite wert: ein grauer Klumpen Beton, aus dem hier ein filigranes Chromstahlbeinchen ragt und da ein bunter Fleck.

Bevor der Umzugswagen und ich losfahren, nehme ich noch eine Kiste von der Ladefläche des Lkw und stelle sie auf den Rücksitz meines Range Rovers. Reine Intuition. In der Kiste sind meine Espressomaschine, die italienischen Espressotassen, das Mahlwerk, ein 1-Kilogramm-Beutel mit ungemahlenem Espresso, ein A5 großes, gerahmtes Bild, das im Stil von A. R. Penck einen Fisch mit einem großen Herzen und spitzen Zähnen darstellt: Barrakudas are beauty with teeth. Auf dem Beifahrersitz liegt meine Tasche mit Rechner, Festplatten und Kabeln. Im Kofferraum ein Sack mit Klamotten; drei blaue Hosen, fünf blaue Pullis, zwei mit V-Ausschnitt, drei mit Rundbündchen, weiße und graue T-Shirts, Unterhosen, Socken, Chucks.

Die Versicherung zahlt 10.000 Euro pauschal für den Schaden.

Mein Leben – ein grauer Klumpen, der von der Straße gepickert werden muss.

Es heißt, ich habe großes Glück gehabt, weil es nicht mich erwischt hat.

Ich bin mir nicht sicher, ob das Glück ist.
Die 10.000 Euro kann ich gut gebrauchen.
Ich bin Mitte vierzig und ich will noch mal neu anfangen. Was ist neu?
Neu ist, dass ich viel Zeit zum Nachdenken habe. Meistens schaue ich Pornos.

Der letzte Job war ein Projektvertrag als Marketingberater bei der E-Kommerz-Firma DeepSleep.

Sie verkaufen Matratzen übers Internet. Das Geschäft läuft mäßig. Ich entwickle die Idee einer App, mit der man sein Schlafprofil visuell sichtbar machen kann: Über ein Armband mit Sensoren zeichnet die App die Schlafbewegungen auf und verwandelt sie in ein grafisches Selfie. Dann lädst du auf der Online-Plattform von DeepSleep oder auf Facebook Leute ein, ihr Schlafprofil mit dir zu teilen. Ziel ist es herauszufinden, wer schlaftechnisch zu dir passt und welche Matratze die richtige ist. Es ist wie Tinder, nur dass die Matratze gleich mitkommt.

Ich habe nie getindert.
Die App heißt SharedSleep.
SharedSleep wird eine große Sache, weil die Leute keine Produkte mehr kaufen, sondern Gefühle. Die Leute haben das Gefühl, was über sich zu erfahren. Die Leute sind ganz verrückt darauf, was über sich zu erfahren. Wer bin ich, was bin ich, wo gehöre ich dazu? Die meisten Leute glauben, dass tief in ihnen ein Prinz oder eine Prinzessin versteckt ist. Sie müssen nur tief genug graben, dann finden sie ihr wahres ICH, und alles wird wunderbar. Es gibt kein wahres ICH, und nichts wird wunderbar. Aber wenn du statt einer Sache eine Sehnsucht verkaufst, kannst du ewig weitermachen. Sehnsucht haben die Leute immer.

Drei Monate später wird DeepSleep von HoperInvest / Lo don aufgekauft. Hoper pfeift auf Marke. Die glauben an Affiliate und Performance. Matratzen passen in ihr Portfolio – schlafen müssen die Leute immer, und immer mehr Leute schlafen immer schlechter. Das ist statistisch belegt. Das ist ein Riesenmarkt.

 

Autorenfoto: Jens Book

WURST, Fritz Hendrick Melle

schwarzkopf-verlag.net

 

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