Daily Life

Leseprobe: TODESBLUES IN CHICAGO von Ray Celestin

5. April 2019

Sommer 1928. Aus den Flüsterkneipen dringen neue Jazzklänge, während die Bewohner Chicagos vor Hitze fast wahnsinnig werden. Gleich drei Verbrechen halten die Stadt in Atem: die Entführung einer Fabrikantenerbin, der Gifttod mehrerer Mitglieder der High Society und ein Mord im Rotlichtviertel, dessen Opfer die Augen aus den Höhlen entfernt wurden. Die Pinkerton-Detektive Ida Davis und Michael Talbot ermitteln – und folgen einer gefährlichen Spur, die sie direkt in die Kreise des größten Mafiabosses aller Zeiten führt: Al Capone.

Louis Armstrong hastete den Bahnsteig hinunter, denn der Panama Limited war schon angerollt, den Pappkoffer in der einen, den Kornettkasten und die Fahrkarte in der anderen Hand.

Mit Letzterer winkte er dem Bahnsteigschaffner, doch der würdigte sie keines Blickes. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, über den jungen Mann zu lachen, der sich, pausbäckig, verschwitzt und mit Gepäck überladen, abmühte, an den Waggons mit der Aufschrift Nur für Weiße vorbeizulaufen, um zu denen zu gelangen, auf die er aufspringen konnte, ohne Prügel fürchten zu müssen.

Der Zug pfiff, und Louis verdoppelte seine Anstrengungen, flitzte an einem Gepäckstapel und an einem amüsiert dreinblickenden Gepäckträger vorbei, erreichte den ersten Waggon, der mit dem Hinweis Für Farbige beschriftet war, schleuderte seinen Koffer hinein, nahm die Fahrkarte zwischen die Lippen, packte den Handlauf und schwang sich in den Zug. Just in diesem Augenblick gab der Lokführer ordentlich Dampf auf die Zylinder, und der Zug rollte stampfend aus dem Bahnhof hinaus ins Freie, wo der südliche Himmel in Flammen zu stehen schien.

Erschöpft hockte sich Louis auf den Boden und blieb einen Moment sitzen, um wieder zu Atem zu kommen. Seine Lunge brannte von zu wenig Bewegung und zu vielen Zigaretten. Er kramte nach einem Taschentuch, wischte sich damit den Schweiß vom Gesicht, um einigermaßen präsentabel auszusehen, und machte sich dann auf den Weg in sein Abteil. Als er es gefunden hatte, musste er feststellen, dass es eng und überfüllt war, in Beschlag genommen von einer großen Frau und einer ganzen Brut kleiner Kinder, die sich auf den beiden nackten Brettern aneinanderdrängten, die als Sitze dienten. Louis bedachte die Frau mit einem Lächeln, und sie fuhr die Kinder an, ihm Platz zu machen. Er schwang seinen Koffer in das Sisalnetz über den Sitzen.

»Wie heißt du, Junge?«, fragte die Frau, als Louis sich in eine Ecke gezwängt hatte.

»Louis Armstrong, Ma’am.«
»Bist du Mayanns Sohn?«
»Ja.«
»Ich kenne deine Mutter seit Jahren.« Ihr Tonfall deutete an, dass sie aus irgendeinem Grund stolz auf diese Tatsache war.

»Wo fährst du hin?«

»Nach Chicago.«
»Wir auch. Hast du da Arbeit?«
»Ja, Ma’am. Ich spiele in Joe Olivers Band. Das zweite Kornett.«
»Joe Oliver?«, wiederholte die Frau und schob den Namen ein paar Sekunden in ihrem Gedächtnis hin und her, um zu schauen, ob er ihr etwas sagte. Dann zuckte sie die Achseln. »Na, dann wünsch ich dir viel Glück. Hast du schon was gegessen?«

»Nein, Ma’am.«
»Hast du was zu essen dabei?«
»Nein, Ma’am.«
Er hatte es so eilig gehabt, zum Bahnhof zu kommen, dass er keine Zeit gehabt hatte, sich irgendwo etwas zu kaufen. Die Frau sah ihn jetzt mit zusammengekniffenen Augen an. Der Zug hatte drei Speisewagen, einer servierte französische Gerichte à la carte, in einem anderen gab es eine Selbstbedienungstheke, und der dritte bot eine Auswahl kleiner Snacks, doch Schwarzen war in keinem von ihnen der Zutritt erlaubt. Die Frau machte »Ts, ts, ts«, dann rief sie dem ältesten Kind zu, es solle den Korb holen, und als das Kind ihn aus dem Netz gehievt und mitten im Abteil auf den Boden gestellt hatte, nahm sie das karierte Tuch herunter und verteilte Stücke von gebratenem Hühnchen und Wels, Maiskolben, panierte Okrabällchen, Maispfannkuchen und Limonadenflaschen. Kaum war er fünf Minuten aus New Orleans raus, hatte Louis schon das Gefühl, eine neue Familie gefunden zu haben.

Nachdem sie gegessen hatten, packten sie die Reste zurück in den Korb, und Louis spielte mit den Kindern, blickte aus dem Fenster, plauderte, rauchte, und dann schlief er ein, und der Tag wurde zur Nacht, und als er irgendwann aufwachte, sah er eine Galaxie von Stadtlichtern am Fenster vorbeifliegen, neonhelle Kleckse in der Dunkelheit, erahnte das dichte Gedränge unten auf den Straßen und dann das Summen der Natriumdampflampen in der Central Station an der 12th Street in Chicago.

Louis half der Frau aus dem Zug, und sie folgten dem Bahnsteig in die Bahnhofshalle. Er sah sich um, betrachtete die Menschen, bemerkte, wie schnell sie sich bewegten, wie sehr sie in Eile waren, wie elegant sie sich kleideten und wie schnittig, glatt und modern alles wirkte. Er fragte sich, ob er sich das alles einbildete, und drehte sich zum Zug um, zu den vielen Südstaatlern, die ihr Gepäck zusammenrafften, und der Unterschied sprang ihm förmlich ins Auge: die abgerissenen, altmodischen Kleider, die ramponierten Koffer, alles mit Armut überkrustet und mit dem Staub der Prärien des Südens.

Im Vergleich zu den Chicagoern sahen Louis’ Leute aus wie Flüchtlinge aus irgendeinem abgelegenen, Notleidenden Land, und in diesem Augenblick wurde ihm klar, dass seine Ansichten über seine Heimat in dieser neuen Umgebung auf eine harte Probe gestellt werden würden, dass es ein Kampf werden würde, sich von dem Kontrast nicht zu sehr beeinflussen zu lassen. Den Süden zu verlassen war schwer genug: Es waren schon Schwarze gelyncht worden, bloß weil man gesehen hatte, wie sie am Schalter standen und eine Zugfahrkarte nach Norden kauften.

Autorenfoto: © Nick Redman

Todesblues in Chicago von Ray Celestin.

Übersetzt von Elvira Willems

Erschienen bei Piper

© 2019 Robert’s