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Leseprobe: TARANTINO von Tom Shone

6. April 2018

Quentin Tarantino ist einer der erfolgreichsten und unverwechselbarsten Regisseure des US-amerikanischen Kinos. Mit seinem cineastisch anspruchsvollen visuellen Stil, komplexen Plots und radikaler Brutalität haben Tarantinos Filme über seine Karriere hinweg stets Jubel und Kritik gleichermaßen hervorgerufen.Tom Shone, einer der renommiertesten US-amerikanischen Filmkritiker stellte Tarantiono’s Filme vor und wirft einen Blick auf das Leben des Schauspielers und Drehbuchautors

Wenn Quentin Tarantino sich vornimmt, einen Film zu schreiben, besorgt er sich als Erstes ein 250 Seiten dickes Notizbuch und einige schwarze und rote Filzstifte

Früher hat er in der Öffentlichkeit ge­schrieben, in Restaurants, Bars, Cafés oder auf dem Rücksitz eines Kombis – überall, nur nicht zu Hause. Doch Django Unchained entstand auf dem Balkon seines Schlafzimmers in seiner weit­läufigen Villa in den Hollywood Hills. Vom Balkon aus schaut man auf den Swimmingpool, einen Orangenbaum, und in der Ferne sind grün bewachsene Canyons zu sehen. Er hat auch ein paar kleine Lautsprecher auf dem Balkon, damit er sich seine Mixtapes anhören kann.

Tarantino steht gegen zehn oder elf Uhr vormittags auf, steckt sein Festnetztelefon aus, schlendert auf den Balkon und arbeitet sechs bis acht Stunden, wenn es gut läuft. Dialoge zu schreiben, fällt ihm am leichtesten. Er schreibt dabei nach eigener Aussage nicht auf, was seine Figuren sagen, sondern schreibt es nur mit. Die besten Momente fallen ihm manchmal erst ein, wenn er glaubt, dass eine Szene schon abgeschlossen ist. Er ahnte zum Beispiel nicht, dass die Gang in Reservoir Dogs – Wilde Hunde von allein anfangen würde, über Farbnamen – ihre Decknamen – zu streiten. Ebenso wenig wusste er, dass Mr Blonde ein Rasiermesser aus dem Stiefel ziehen würde.

Über seinen Schreibprozess sagte er einmal: »Mein Kopf ist wie ein Schwamm. Ich höre jed em zu und achte auf kleine typische Verhaltensweisen. Wenn mir jemand einen Witz erzählt, behalteich ihn, und wenn mir jemand eine interessante Geschichte aus seinem Leben erzählt, merke
ich sie mir. Wenn ich neue Figuren entwickle, ist mein Stift wie eine Antenne. Er empfängt diese Informationen und die Figuren kommen auf ein­ mal heraus und sind mehr oder weniger voll aus­ geformt. Ich schreibe ihren Dialog nicht, sondern bringe sie dazu, miteinander zu reden.«

Während des Schreibens ruft Tarantino oft Freunde an und liest ihnen seinen Text vor, nicht damit sie ihn gutheißen, sondern um ihn gewissermaßen durch ihre Ohren neu zu hören. Nachdem er sich 2004 beim Sitges Film Festi­ val (Internationales Festival Kataloniens für den fantastischen Film) mit dem US­Filmkritiker Elvis Mitchell angefreundet hatte, las er ihm auf einer Hotelterrasse in Los Angeles das Drehbuch zu Death Proof – Todsicher vor.

»Sogar das Auto führte ein Eigenleben, und nicht einfach in der Art von KITT 2000«, erinnert sich Mitchell. »Tarantino bewundert und respek­tiert seine Figuren. Beim Vorlesen merkte man, wie jeder seiner Charaktere ein eigenes, streitlus­tiges Leben annahm. Das Faszinierende daran, ihn das vorlesen zu hören, ist, dass für jede Figur etwas ganz Bestimmtes auf dem Spiel steht. Meist geht es darum, wirklich akzeptiert und verstanden zu werden.«

Sobald Tarantino ein Drehbuch abgeschlos­sen hat, tippt er es mit einem Finger auf seiner Smith­ Corona­ Schreibmaschine ab, die er von einer Exfreundin übernommen hat und seit Reser­voir Dogs benutzt. Trotz seinem IQ von 160 brach Tarantino die Highschool in Harbor City in Los Angeles in der 9. Klasse ab. Da er Legastheniker ist – »Mein Zeug ist unlesbar« –, gibt er das Skript oft Freunden oder einer Schreibkraft und lässt es ins Reine schreiben. Anschließend macht er 30 bis 35 Kopien und gibt bei sich zu Hause eine Party.

»Ich schicke das Skript meinem Produzenten und anderen Leuten, und dann kommen den gan­zen Tag lang Freunde vorbei, um sich ihre Kopie abzuholen, Champagner zu trinken und zu feiern. Ich versehe die Kopien nicht mit einem Wasser­zeichen oder so. Die Leute kommen einfach her und holen sich eine. Wir hängen zusammen ab, unterhalten uns, essen und trinken was.«

In seinem Haus finden sich überall Filmplakate an den Wänden. Er besitzt Bronzestatuen von Mia Wallace aus Pulp Fiction, von Louis, Melanie und Max Cherry aus Jackie Brown und von Mr Blonde aus Reservoir Dogs, die ein texanischer Künstler für ihn gefertigt hat. In einem Flügel des Hauses beendet sich ein Kino im alten Stil: Teppichboden mit Diamantmuster, Samtseile zwischen niedrigen Messingpfosten und etwa 50 rote Sitze in abgestuften Reihen.

Fotos: Aufmacher: Tarantino definiert einen Bildausschnitt am Set von Death Proof – Todsicher, 2006. Alamy/Collection Christohpel/ Knesebeck Verlag; Tarantino probt und filmt mit Harvey Keitel (re.) und Steve Buscemi (li.) die Szenen im Lagerhaus. Alamy/Pictorial Press/Knesebeck Verlag; Autor Tom Shone

Tom Shome, Tarantino, Der Kultregisseur und seine Filme

Aus dem Englischen von Claire Roth

Das Buch erscheint am 12.April bei Knesebeck

 

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