Weekend

Leseprobe: NYX von Dirk van Versendaal

17. November 2017

Dirk van Versendaal, geboren in Rotterdam und in Hamburg aufgewachsen, war zuerst Schneider, bevor er auf die Journalistenschule ging, Redakteur beim «SZ-Magazin» und später als freier Autor für «SZ-Magazin», «Zeit» und «Vogue» arbeitete. Jetzt lockt er die Leser mit einem visionären Thriller in die Zukunft: Im Jahr 2025 wurde sie erbaut, die Nyx, ein schwimmendes Ungetüm, viereinhalb Kilometer lang und anderthalb Kilometer breit. Der Koloss zieht als gigantisches Alters- und Pflegeheim seine Bahnen durch alle Weltmeere – Das ist einfach billiger, als die Alten an Land zu versorgen. Als die junge Ärztin Polly Sutter an Bord geht, tut sich aber schon seit längerem Unheimliches. Immer mehr Alte sterben, in ihren Kabinen, in der Wanne, es ist unerklärlich. Und dann verschwinden Menschen.

10° 44' östlicher Länge; 59° 54' nördlicher Breite. Die Wolkendecke, aus der sie hinabsinken, schluckt alle Farben des Landes, nur eine Gletscherzunge leuchtet bläulich zwischen Granitwänden.

In einer Kurve überfliegen sie Wälder und Wasserrinnen, eine Turbulenz lässt sie absacken, dann sieht Polly Sutter die ersten weißen Flecken der Dächer, Schnee auf geparkten Autos, über Baumwipfeln. Mit einem Ruckeln setzt das Fahrgestell auf, die hochwirbelnde Schneegischt strahlt grün vor den Positionslichtern der Piste. Zwischen Wällen aus Schneematsch rollen sie an den Hangar.

Für die Fahrt von Gardermoen in die Stadt leistet sie sich den Expresszug. Zwischen laublosen Hecken fährt er durch das Halbdunkel des Nachmittags, sie sieht Rauch aus Schornsteinen aufsteigen, und einmal glaubt sie, einen Strauß über ein Schneefeld rennen zu sehen. Sein Atem pumpt kleine wattige Wolken hervor, die in der Luft hängen bleiben wie Ballons. Der Vogel ist ausgerissen, stellt sie sich vor, jetzt irrt er durch eine einsame Landschaft und weiß nicht, wohin.

Weil sie sicher sein will, ob sie das Tier wirklich gesehen hat, nimmt sie sich vor, die junge Frau anzusprechen, die ihr mit geradem Rücken gegenübersitzt und telefoniert. Dabei durchkämmt sie unablässig ihre glänzende schwarze Frisur und streicht die ausgefallenen Haare vom Hosenanzug. Als der Zug im Bahnhof einfährt, hat Polly den Strauß vergessen.

Der Portier des Hotels führt sie hinauf in das Zimmer im zweiten Stock. Auf dem Tisch liegt ein Briefumschlag. Es sind ihre Zulassungspapiere und ein Willkommensbrief. Er beginnt mit einem Glückwunsch zu ihrem neuen Arbeitsplatz, ist aber von niemandem unterzeichnet worden. Ohne die Schnürsenkel zu lösen, streift sie ihre Schuhe ab, legt sich aufs Bett und schläft, obwohl ihre Füße eiskalt sind, auf der Stelle ein.

Es ist vier Uhr nachmittags, als Polly erwacht. Sie tritt ans Fenster und blickt in die hell erleuchteten und men- schenleeren Unterrichtsräume des Handelsgymnasiums. Sie zählt die Stühle, es sind einhundertvierunddreißig, verlässt dann das Hotel und setzt sich gegenüber vom Konzerthaus in ein Gartencafé. Trotz der Kälte hocken überall Leute vor den Bars, mit Decken über dem Schoß. Sie bestellt ein Glas Rotwein und lässt sich von der Kellnerin sagen, bald werde Schnee fallen, vielleicht noch in der Nacht.

Auf dem Weihnachtsmarkt kauft sie ein Unterhemd und ein Paar grüner Wollsocken. Von einer Bank am Rathausplatz ruft sie Kristin an und erzählt, dass sie in Oslo angekommen und dies ihr letzter Tag an Land ist für sehr lange Zeit. Kristin antwortet, bei ihr sei so weit alles in Ordnung, sie fragt aber nichts. Polly wird unruhig und bereut, angerufen zu haben. Sie unterbricht die Verbindung. Eine Zeitlang beobachtet sie die Gesichter der Vorüberziehenden. Wieder auf der Straße, kauft sie sich einen Beutel Mandarinen. Sie isst im Gehen und spuckt die Kerne aus, sobald sie sicher ist, dass niemand ihr dabei zusieht.

Vor einem haushohen Weihnachtsbaum bleibt sie stehen. Die Heilsarmee wünscht eine frohe Weihnacht, steht in krakeliger Schrift auf einem Karton am Fuße des Baums. Vierzehn Lichterketten funkeln in seinen Zweigen. Aus seinem Inneren ist künstliches Gezwitscher zu hören. Die Straßen beginnen sich zu leeren. Fröstelnd kehrt Polly in ihr Hotelzimmer zurück.

Am Morgen fühlt sie sich schon mit dem ersten Augenaufschlagen gejagt. Sie braucht keine zehn Minuten, ihre Sachen zu packen. Hastig verlässt sie das Hotel.

In einer Kaffeerösterei am Hafen sitzt sie allein und blättert zerstreut in einem Stapel Illustrierter. Bevor es an der Zeit ist, bricht sie auf und geht über zweihundertsechsundsechzig rutschige Holzbohlen zur Anlegestelle der Fähre. Feiner Pulverschnee, der über Nacht gefallen ist, wirbelt um ihre Schuhe.

Der Himmel ist von einem milchigen Grau, als sie vom Kai ablegen. Anfangs sitzt sie im Salondeck neben einem österreichischen Ehepaar, das über einen Enkelsohn spricht, der einer Frau wegen nach Angola gezogen ist, das hat der Junge jetzt davon. Er nimmt keine Vernunft an. Er wird schon sehen. Selber schuld.

Polly kann kaum weghören, erst als die tiefstehende Sonne durch die Wolken drängt, steigt sie die Stufen zum Oberdeck hinauf. Sie passieren die winterlich verlassenen Kais von Vippetangen, dann einen Industriehafen, in dem Kriegsschiffe vor Anker liegen. Sie zählt neun, alle im selben stumpfen Grau.

Die Fähre gleitet langsam in ihrer Fahrrinne voran, zwischen Holmen und Inseln mit spartanischen Häuschen, legt aber an Tempo zu, als das Wasser sich öffnet. Sie halten Kurs auf eine Insel, die sich am Horizont wie ein Schiefergebirge auftürmt. Eine launische Verwerfung der Erdkruste, denkt sie, eine gestürzte Zitadelle aus Felsgestein. Nach und nach kann sie einzelne Vorsprünge ausmachen, Kegelstümpfe und zylindrische Aufbauten, Kirchtürmen gleich, von irgendwoher steigt gelber Rauch auf. Was ihr aus der Ferne zerklüftet vorgekommen ist, besteht aus regelmäßi- gen Schichten, die einander überlappen, und sie begreift, dass dies die Decks der Nyx sind und das Ziel ihrer Fahrt.

Im Näherkommen kann sie Schotten und Luken an den Wänden des gewaltigen Schiffes ausmachen, manche quadratisch, andere halbkreisförmig, in einer Ordnung zueinander, die sie nicht durchschaut, aber sofort bewundert.

Das Autorenfoto hat Attila Erüstün aufgenommen

NYX von Dirk van Versendaal auf knap 450 Seiten Spannung.

Erschienen am 17.November bei rowohlt.de

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