Daily Life

Leseprobe: NICHT WIE IHR von Tonio Schachinger

20. September 2019

Tonio Schachinger taucht in die Welt des Profifußballs ab: Ivo wusste immer schon, dass er besonders ist. Besonders cool, besonders talentiert, besonders attraktiv. Alle wussten es, seine Familie, seine Jugendtrainer, seine Freunde im Käfig. Jetzt ist er einer der bestbezahlten Fußballer der Welt. Er verdient 100.000 Euro in der Woche, fährt einen Bugatti, hat eine Ehefrau und zwei Kinder, die er über alles liebt. Doch als seine Jugendliebe Mirna ins Spiel kommt, gerät das sichere Gerüst ins Wanken. Wie koordiniert man eine Affäre, wenn man eigentlich keine Freizeit hat? Lässt Ivos Leistung auf dem Spielfeld nach? Und was macht eigentlich seine Frau, während er nicht da ist? Es ist dieser rotzige, witzige und originelle Ton des Erzählers, der vom ersten Satz an fesselt. Gespickt mit Wiener Milieusprache und herrlichen Fußballmetaphern gibt der Roman Einblick in das Schauspiel des Profisports und entlarvt seine Spieler als Schachfiguren auf einem kapitalistischen Spielfeld

Wer keinen Bugatti hat, kann sich gar nicht vorstellen, wie angenehm Ivo gerade sitzt. Er streckt die Beine aus und schaut durch seine Sonnenbrille nach drau­ ßen auf den Platz vor dem Merkur, wo nichts ist, nur eine Telefonzelle und ein leerer Käfig.

Er hätte gar nicht mit dem Bugatti kommen sollen, aber er ist froh, es gemacht zu haben, weil durch den Bugatti alles besser wird, die Fahrt her, die Fahrt zurück und sogar das Warten. Bugattis sind Autos für Leute, die nicht warten, und sie alle, die, die keinen Bugatti haben und die, die keine Zeit haben, in ihrem zu warten, ver­ passen etwas. Ivo würde gerne für immer so in seinem Bugatti sitzen.

Die Mittagshitze sieht durch die verdunkelten Scheiben aus wie früher Abend und die 33 Grad, die es draußen angeblich hat, erreichen den Innen­raum des Autos nicht. Ivo stellt sich vor, wie das von außen aussieht, ein schwarzer Bugatti, ganz alleine irgendwo im 20. Bezirk, wie ein Raumschiff aus einer anderen Welt, das von der Sonne nicht berührt wird; eine Black Box, die alle anschauen, ohne reinsehen zu können, eine Fata Morgana in der heißen, flim­mernden Luft. Wer jetzt aus dem Merkur kommt und ihn sieht, wird glauben zu träumen, außer es ist Jessy, die wird Ivo sagen, dass er nicht mit dem Bugatti hätte kommen sollen. Ivo lässt seinen Blick über den Platz schweifen. Für einen Moment rinnen ihm die Hitze­ wellen als Kälteschauer über den Rücken, und er lehnt sich noch weiter zurück.

Die Türen vom Merkur gehen auf und heraus kommt nicht Jessy, sondern ein Mann, irgendein fades Opfer mit Stoffsackerl, und natürlich schaut er her, aber nicht wie jemand, der mitten in der Wüste eine Oase sieht, sondern wie jemand, der Scheiße riecht. Er hält sich eine Hand vor die Stirn, als würden die goldenen Felgen ihn blenden, und verzieht sei­nen Mund. Soll das ein Lachen sein? Ivo setzt sich ein bisschen auf und kneift die Augen zusammen, um ihn besser zu sehen, aber das hätte er nicht machen müs­sen. Er könnte sogar noch 30 Meter weiter weg stehen und ein Brett vor dem Kopf haben und würde trotz­ dem das Gleiche wissen: dass dieser Typ einfach ein Hurenkind ist. Er sieht es an der Art, wie der den Mund seitlich verzieht, wie er lacht, ohne ein Geräusch zu machen. Er sieht, dass der Typ nicht echt ist.

Der Mann holt sein Handy heraus, lehnt sein Stoffsackerl gegen die Wand, macht ein Foto, und Ivo sieht seinem Gesicht an, dass er überlegt, was er Wit­ziges dazuschreiben soll, bevor er es hochlädt. »Du Hurenkind«, sagt Ivo, und die Entspannung fällt von ihm ab, »du dummes, dummes Hurenkind.« Er würde gerne das Fenster eine Handbreit runterfahren, nur damit dem Typen sein schiaches Lächeln vergeht, damit er sieht, dass er beobachtet wird und Angst bekommt vor dem, der da im Auto sitzt, der Ivo, aber genauso gut auch ein Mafiaboss sein könnte, und vor einer ganzen Welt, die er nie betreten wird.

Die Türen gehen wieder auf, ein Kind kommt her­aus und stellt sich neben den Mann. Es schreit sofort auf, als es das Auto sieht, möchte näherkommen, aber der Vater hält es zurück, mit einem verächtlichen Ausdruck im Gesicht und diesem dummen, seitli­chen Grinser. Der Vater deutet mit seinem Arm zum Merkur und Ivo spürt eine Körperspannung, einen Impuls, den Mann niederzuschlagen, vor seinem Sohn und irgendwie auch für seinen Sohn, ihn mit nur einem präzisen Schlag auszuknocken, als eine lächelnde Frau den Merkur verlässt, auf den Mann und das Kind zugeht und schon in dem Moment, bevor Ivo sie erkennt, hebt ihn dieses eine Gefühl, das sich immer wieder neu anfühlen kann, aus seinem Sitz. Er sieht Mirna und es ist wie früher am Admirals­turm im Prater, in dem Moment, wo man ganz nach oben geschossen worden ist und noch Energie übrig­ bleibt, die einen weitertreibt, obwohl die Plattform schon eingerastet ist. Dann ruht kurz das ganze Pan­orama der Stadt und nur die Bügel an den Schultern verhindern, dass man weiter hinausfliegt. Warum fliegt man nicht einfach weiter? Ivo sieht Mirna zu, wie sie lächelt, wie sie sich bewegt, und sie schaut in seine Richtung, ohne dass sich ihre Blicke treffen. Ivo verlässt seinen Körper und sein Auto und schlittert in ein Flashback von Mirnas geschürzten Lippen in einer der Gassen hinter der Neuen Donau, vor über zehn Jahren, durch verschiedene Bilder, die an ihm vorbei­rasen, und er glaubt kurz einen Ständer zu kriegen, so unvermittelt, wie er sie damals bekommen hat, aber es ist nicht sein Schwanz, der hart wird, sondern seine Brust oder sein Herz.

Porträtfoto: detailsinn.at

Tonio Schachinger, NICHT WIE IHR, Kremayr & Scheriau, 304 Seiten

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