Daily Life

Leseprobe: MENSCH RÜDIGER! von Sven Stricker

22. September 2017

Man muss auch mal loslassen können.
Rüdiger ist Lehrer. Verheiratet, Cordhose, 2 Kinder. Für den Rest der Welt ist er nahezu unsichtbar. An seinem 40. Geburtstag, mitten im Unterricht, merkt er, dass er sein bisheriges Leben nicht mehr erträgt. Er steht auf und geht.
Tom hatte vor Jahren einen Bestseller. Danach: Schreibblockade, Lebensblockade. Jetzt sitzt er im Supermarkt an der Kasse, von Ohnmachtsanfällen heimgesucht, und hilft biologisch verteuerter Landwurst übers Laufband. Bis es auch ihm reicht.
Rüdiger und Tom treffen sich auf einer Talbrücke. Beide wollen die Welt hinter sich lassen. Am Ende aber beschließen sie: Fünf Tage lang werden sie testen, ob das Leben nicht vielleicht doch noch lebenswert ist. Was dann passiert endet glücklicherweise mit: „Dieses gottverdammte Scheißleben! Ist es nicht wunderbar?“

Rüdiger schaltete das kleine, spritzwassergeschützte Badezimmerradio an, das farb-, form-, und basslos neben der elektrischen Zahnbürste stand, und atmete tief durch.

Heaven 17 waren «Crushed By The Wheels Of Industry» und
gaben damit das Motto des Tages vor. Rüdiger wippte auf
den Fußballen, spürte kurz den in der Rückschau allge-
mein überbewerteten Achtzigern nach, betrachtete verknif-
fen sein Spiegelbild, dann die Uhr, dann wieder das Spie-
gelbild, und war vierzig Jahre alt. Auf die Sekunde genau.
«Herzlichen Glückwunsch», hauchte er und nutzte den
Niederschlag seines Atems, um die Scheibe mit dem Är-
mel zu putzen. Es war Montag, fünf Minuten nach sieben.
Er bleckte die frisch geputzten Zähne, die ihm auch schon
mal weißer vorgekommen waren, faltete das Handtuch or-
dentlich auf den silbrig glänzenden Halter und betrachtete
ein letztes Mal sein jetzt auch offiziell nicht mehr ganz ju-
gendliches Selbst. Rüdiger war blass, deutlich zu klein, von
schmaler Gestalt, ausgestattet mit einem länglichen Ge-
sicht, schlackernden Armen und viel zu dürren Beinen. Der
Seitenscheitel saß akkurat, wie festgetackert, erste graue
Strähnen mischten sich in das annähernd undefinierbare
Dunkelblond. Rüdiger hatte keine allzu hohe Meinung von
sich, gelinde gesagt. Er sah sich eher als austauschbares
Füllmaterial, das die Straßen bevölkerte, um die wirklich
interessanten Leute strahlen zu lassen. Sein Charisma be-
schränkte sich auf seine schwarze Hornbrille, die er aus ge-
nau diesem Grunde andauernd trug, am liebsten auch im
Bett. Er nahm sie etwa vierzigmal in der Stunde ab, nur um
sie wieder aufzusetzen.
Er holte noch einmal Luft, schaltete den besten Mix der
Achtziger, Neunziger, Nuller und von heute ab, öffnete die
Badezimmertür und trat in das morgendliche Chaos wie ein
Barfüßiger ins Wespennest. Die Lautstärke um ihn herum
explodierte, Silvia fuchtelte in ihrem hellblauen Frotté-Ba-
demantel wild in der Gegend herum und dirigierte Max und
Lilian beidhändig durch die Morgenroutine.
«So», sagte er so leise wie unbemerkt, kontrollierte mit
einem routinierten Seitenblick, dass die Aktentasche ord-
nungsgemäß neben der Haustür stand, trat in die Küche
und dort sogleich zum Tisch. Ein Post-it, das schon seit Jah-
ren auf der Kühlschranktür klebte, erinnerte die anderen
an seinen Ehrentag. Aus dem Radio über der Dunstabzugs-
haube verbreitete eine aufgekratzte Morgenstimme Mor-
genstimmung.
«Alles Gute zum Geburtstag, Papa!», rief der vierjähri-
ge Max, sprang von seinem Stuhl und raste davon, wahr-
scheinlich, um ein Geschenk zu holen, das aus sehr viel
Papier, noch mehr Tesafilm und einem halb zerquetschten
Schokobonbon bestand.
«Herzlichen Glückwunsch, Papa», sagte auch Lilian (sie
war dreizehn Jahre alt), gab ihrem Vater einen Kuss auf die
Wange und reichte Rüdiger den kleinen, runden Sandku-
chen mit der brennenden Kerze in der Mitte, den Rüdiger
jedes Jahr von seiner Tochter bekam und der immer von den
anderen gegessen wurde, weil Rüdiger Sandkuchen nicht
mochte. Er setzte sich und griff eine kalte Scheibe Toast
aus dem Brotkorb.
«Danke, mein Schatz», sagte er, für seine Verhältnisse
durchaus überzeugend lächelnd. «Das ist lieb.»
Silvia stellte sich hinter ihn und legte die Hände auf sei-
ne schmalen Schultern. «Max, komm sofort zurück!», brüll-
te sie, sodass Rüdiger zusammenzuckte und etwas Marme-
lade von seinem Messer tropfte. Er führte Daumen und Zei-
gefinger der linken Hand zur Nasenwurzel, bis ihm bewusst
wurde, dass man das als Affront empfinden konnte, und zog

die Hand zurück.

«Ich kann es aber nicht finden!», rief Max aus seinem
Zimmer, das den Geräuschen nach zu urteilen in diesem
Moment aufwendig renoviert wurde.
«Dann schenk es Papa später. Der freut sich auch nach-
her noch.»
«Natürlich», sagte Rüdiger halblaut und wünschte, es
wäre so.
Silvia gab ihm einen energischen Kuss auf den Hinter-
kopf, dann eilte sie hinaus, um ihren Sohn einzufangen und
gegen den alltäglichen, hartnäckigen Widerstand für den
Kindergarten fertig zu machen.
Rüdiger aß seinen Toast, in kleinen Bissen, man sollte ja
nicht so schlingen, Lilian lächelte unsicher, wusste nichts
weiter zu sagen, stand auf, stellte ihren Teller in die Spüle
statt in die halb geöffnete Spülmaschine und eilte grußlos
aus der Küche.
Rüdiger war allein.
Die aufgekratzte Stimme aus dem Radio fand die Weltla-
ge zwar irgendwie bedrückend, wünschte aber dennoch ei-
nen traumhaften Morgen an diesem heißen Tag, dann folgte
ein kitschiges Liedchen von Phil Collins, das Rüdiger aus ir-
gendeinem Disney-Film kannte. Er überlegte, ob er zur Fei-
er des Tages eine zweite Scheibe Toast essen sollte, ob es
für den Magen überhaupt einen Unterschied machen wür-
de, und verzichtete. Er fand das Sitzen beklemmend, fand
einfach alles beklemmend, stellte die Marmelade auf die an-
dere Seite des Tellers, sammelte mit angefeuchtetem Zei-
gefinger zwei Krümel ein, schob sie in den Mund, begann
ein wenig zu zittern (diese verdammte Nervosität), stand
auf und trat ans Fenster.
Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, im dritten
Stock eines fabrikartigen Rotklinkerbaus, befand sich seit
einigen Jahren ein Fitnesscenter. Die Fensterfront reichte
vom Boden bis zur Decke.

Foto Sven Stricker: Kim Indra Oehne

Sven Stricker, Mensch, Rüdiger!Copyright © 2017 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

 

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