Daily Life

Leseprobe: LANNY von Max Porter

29. März 2019

Ein kleines abgelegenes Dorf. Es gehört den Menschen, die dort leben, ihren Freuden und Sorgen, ihrem Alltag und ihren Legenden. Doch es gehört auch dem mythischen Altvater Schuppenwurz, der aus seinem Schlaf erwacht ist, dem dörflichen Treiben zusieht und lauscht, immer auf der Suche nach seiner Lieblingsstimme: der Stimme von Lanny.
Der neue Roman von Max Porter ist eine bewegende Warnung davor, was wir zu verlieren haben, und eine Hymne an alles, was wir nie ganz verstehen werden. Und er fordert unsere Lesegewohnheiten heraus. Ein großartiges Buch.

Altvater Schuppenwurz wacht aus dem Stand weitflächig auf, streift pechdunkle Traumreste ab, die glitzern vor feuchten Kehrichtklumpen.

Er legt sich hin, um Erdhymnen zu hören (es gibt keine, also summt er), dann schrumpft er, schlitzt sich mit einer rostigen Dosenlasche einen Mund, saugt eine nasse Haut aus saurem Mulch und saftigen Würmern an. Er zerfällt und bebt, teilt und sammelt sich, würgt eine Plastikflasche hoch und ein versteinertes Kon- dom, verweilt kurz als zerschlagene Fiberglas-wanne, stolpert und reißt sich die Maske ab, befühlt sein Gesicht und entdeckt lang vergrabene Gerbsäureflaschen. Viktorianischer Abfall.

Reizbarer Stammvater Schuppenwurz sollte nachmittags nicht schlafen, weiß nicht, wer er ist.

Er sinnt nichts Gutes, also singt er. Es klingt zäh-nichtig nach im Hochsommer poppenden Teerblasen. Für sein Grinsen braucht er eine klebrige Stunde. Er schwatzt einfältig näselnd den papier-mumifizierten Flügeldingen und Borkenkäferlingen vor, munterer nun, spricht zu den eigenen Spuren vom letzten Jahr, zu den Mäusen und Lerchen, den Wühlern, dem Wild, seinem anheimelnden einstigen Selbst, so zyklisch verlässlich, Teil des ländlichen Lebenslaufs. Er schlüpft aus einer finsteren Verkleidung in die nächste, raschelt und sickert und schimpft sich seinen Weg durch den Wald. Er geht ein Stück als Techniker mit Warnweste. Er macht einen Schritt im Smoking, als Luftschutzbunker, im Trainingsanzug, als rostige Motorhaube eines Jeeps, im Lederrock, aber nichts funktioniert. Er legt eine Pause als Auspuff ein, dann windet er sich zur Schlinge, zur Kaninchenfalle, zur bepissten Nessel, zum pink-gewürgten Lamm. Er pflückt eine Schwarzdrossel vom Himmel und knackt den gelben Schnabel. Er späht in das gespaltene Gesicht, als wärs ein klarer See. Er schleudert den Vogel durch den Forst, steht waldbloß, buschig da und stampft mit den stockigen Haxen. Sein Rumpf ist ein Rindenharnisch mit den eingeritzten Initialen längst toter Teenagerpaare. Er kracht durch den Wald, hellwach und hungrig danach zu lauschen.

Nur eines muntert den launischen Schuppenwurz auf, nämlich sein Lauschen.

Er schnürt genauso schnell über das Land wie der Abend und erreicht seine Lieblingsstelle. Das Dorf, hingetupft im Halblicht, hübscht sich vor ihm auf. Er schiebt sich ins Schwingtor. Er ist unsichtbar und geduldig und etwa flohgroß. Er hält still.

Er lauscht. Da.

Autorenfoto: Lucy Dickens

Lanny von Max Porter

Aus dem Englischen von Matthias Göritz und Uda Strätling

Erschienen bei Kein & Aber

© 2019 Robert’s