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Leseprobe: IM HIMMEL GIBT ES EINEN BAHNHOF von Jando

26. April 2019

Mutmachende moderne Märchen für Erwachsene und Kinder voller Magie und Poesie sind das Fachgebiet des Ammerländer Kult-Autors Jando (48). So auch das neueste Werk „Im Himmel gibt es einen Bahnhof“. Hier steht ein Mann im Zentrum, der nach einem tragischen Unglück auf hoher See mit seiner Familie ums Überleben kämpft. Dem Tod ganz nah können sie nur auf ein Wunder hoffen. Und an diesem Wunder lässt Jando seine Leser teilhaben: Der Mann findet sich an einem überirdischen Ort zwischen Leben und Tod, zwischen Realität und Phantasie wieder, an dem ihn eine einfühlsame Wegbegleiterin auf eine Reise in seine Vergangenheit mitnimmt. So besinnt er sich auf das wirklich Wichtige im Leben, die Liebe, und beginnt zu kämpfen.

Ein Mann saß in sich gesunken auf einer alten Bank am Fuße einer mächtigen Eiche.

Von hier hatte er eine wunderbare Sicht auf das offene Meer.

Er hob seinen Kopf und ließ seinen Blick schwermütig über die tanzenden Wellen gleiten. Eine Träne glitt an seiner Wange herunter und verfing sich in seinen Bartstoppeln. Der Mann hatte keine Ahnung, wie er hier her gekommen war, geschweige denn, wer er war. Verloren saß er da. Bruchstückartig fielen ihm Dinge ein, die aber im dichten Nebel seines Kopfes immer wieder verschwanden. Fieberhaft versuchte er sich an mehr zu erinnern, doch immer wieder spielte ihm sein Kopf Streiche.

Er blickte an sich herunter, suchte nach irgendwelchen Merkmalen, die ihn erinnern ließen. Doch da war nichts.

Erst jetzt wurde ihm diese unglaubliche Stille um sich herum bewusst. Das Gefühl von Zeit war völlig verloren gegangen. Am Firmament ging langsam die Sonne unter. Sie leuchtete blutrot und am Himmel konnte er schon die ersten Sterne sehen.

Also musste es Abend sein, dachte er sich.
Die Ruhe wurde durch ein lautes Bellen unterbrochen. Ein Hund kam freudig schwanzwedelnd zu ihm gelaufen. In sicherem Abstand vor der Parkbank blieb er stehen und musterte ihn.

Dann hörte der Mann eine Stimme: „Steuermann, bleib!“

Er war irritiert:„Bin ich ein Steuermann?“

Eine Frau näherte sich dem Hund, der immer noch am gleichen Platz verweilte und sich nun der Frau zuwandte. Als die Frau noch näher kam, konnte man sie genauer erkennen.

„Ich meinte den Hund, nicht dich“, lachte sie freund- lich, „dürfen wir uns einen Moment zu dir setzen?“

Der Mann nickte und rutschte zur Seite, um Platz zu schaffen. Die Frau setzte sich lächelnd zu ihm, während der Hund weiter an der gleichen Stelle blieb.

Nun konnte er sie deutlicher sehen. Der Mann musterte seine Banknachbarin unauffällig. Ihre langen blonden Haare waren zu einem Zopf zusammen gebunden und ihre blauen Augen schienen immer zu lächeln. Irgendwie war ihm diese Person seltsam vertraut. Sie bemerkte, dass er grübelte.

„ Ich bin Maja“.

Sie reichte ihm die Hand, die er drückte. Sie war so unglaublich kalt. Der Mann erschrak. Hatte er jetzt auch das Gefühl von Warm und Kalt verloren? Er trug nur ein dünnes T-Shirt und hatte eigentlich das Gefühl, das Sommer wäre.

„Deine Hand ist ganz kalt“, murmelte er irritiert. „Ach, meine Hände sind immer kalt. Daran habe ich mich gewöhnt. Steuermann hast du ja schon kennengelernt,“ sie deutete dabei in Richtung des Hundes.
„Du erinnerst mich an jemanden. Ich weiß bloß nicht an wen. Mein Gedächtnis lässt mich leider zurzeit im Stich. Ich kenne nicht einmal mehr meinen Namen,“ der Mann blickte Maja weiter nachdenklich an.

Maja senkte etwas ihren Kopf und sah ihm tief in seine Augen, dann antwortete sie leise: „Ich werde dir helfen, dich zu erinnern. Doch musst du deinen Teil dazu beitragen. Sonst schaffen wir es nicht.“

Er schluckte. Anscheinend kannte er Maja. Bloß woher? Er schaute sie fragend an. In diesem Moment hörte er sein Herz sprechen:

„Alles braucht seine Zeit. So verloren man sich auch fühlen mag, wird es den Moment geben, wo wir unser Glück und unseren Seelenfrieden wieder finden werden.“

Autorenfoto: Saterland

„Im Himmel gibt es einen Bahnhof“ von Jando mit Illustrationen von Antjeca, erschienen im Verlag KoRos Nord

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