Weekend

Leseprobe: ICH NEHM DANN MAL DAS UPGRADE von Sascha Tegtmeier

21. Juli 2017

Kann man sich noch ein Leben ohne Spülmaschine vorstellen? Will man den Rollkoffer wieder gegen den Rucksack eintauschen? Sascha Tegtmeier und seine Frau Paulina, beide Mitte Dreißig, haben Deutschland für sechs Monate den Rücken gekehrt. Sie wollten um den Globus reisen, waren aber nicht bereit, ihr Hotelzimmer mit Kakerlaken oder einen Schlafsaal mit betrunkenen Mitreisenden zu teilen. Denn etwas Komfort und Sicherheit möchte man sich mittlerweile doch schon leisten. Mit diesen Ansprüchen sprechen sie vielen aus der Seele: Flashpacking heißt diese Art zu reisen und ist mittlerweile ein globaler Trend. Sascha Tegtmeier geboren 1978, hat nach einem Studium der Journalistik und Germanistik in Leipzig als Redakteur bei der taz in Berlin gearbeitet. Seit einigen Jahren denkt er sich PR-Konzepte für Unternehmen und die Politik aus. Gemeinsam mit seiner Frau Paulina nimmt er sich immer mal mehrmonatige Auszeiten, um die Welt zu erkunden – als Flashpacker. Beide leben in Berlin. Und dort beginnt und endet auch das Buch.

Auf gar keinen Fall!

Paulinas Reaktion auf meinen Vorschlag, in Nepal wandern zu gehen, lässt wenig Interpretationsspielraum. Sie wischt mit der rechten Hand harsch durch die Luft, streicht mit der Linken ihr schwarzes Haar glatt, kneift die Augen zusammen und lehnt sich nicht ganz untheatralisch zurück. Selten sind Worte und Körpersprache eine so enge Verbindung eingegangen, wie an diesem Samstagnachmittag in einem Kreuzberger Café. Ich zücke möglichst lässig mein Smartphone, um einige Reiseblogger zu zitieren.

Als Argumentationshilfe sind diese Tagebuchschreiber im Netz ideal. Es muss ein Berufsethos geben, das besagt, dass in einem Reiseblog, jede noch so gottverdammte Gegend der Welt »atemberaubend« und für den Besucher »life changing« sein soll. Im Fall der von mir vorgeschlagenen zwölf zünftigen Tagesmärsche entlang des Annapurna-Gebirges kennt die Euphorie im Internet keine Grenzen. Die Menschen seien so unfassbar freundlich, die Landschaft ekstatisch schön und überhaupt: Es ist der H-I-M-A-L-A-Y-A, Baby! Außerdem kann man in einfachen Teahouses unterkommen, die wohl – und an der Stelle dachte ich, Paulina an Bord zu haben – auch über Duschen verfügen. Aber nichts kann sie angesichts der knapp zweiwöchigen Wanderung umstimmen. »No way«, sagt sie nun mit Nachdruck.

Meine Frau ist Mexikanerin – ein Volk, dem nicht nur Temperament, sondern auch Rigorosität nachgesagt wird. Ein Vorurteil, an dem etwas dran ist, wie Paulina an diesem Märznachmittag im Café »Goldmarie« unter Beweis stellt.

Wir sind dabei, unsere sechsmonatige Weltreise zu planen, von der wir seit Jahren an langen Arbeitstagen träumen. Die Aussicht auf eine Auszeit von unseren Jobs in der PR- und Werbebranche erfüllt uns mit Vorfreude. An diesem Nachmittag wird uns erst richtig bewusst, wie groß die Planungsaufgabe ist, die vor uns liegt. Das beginnt bei der Wohnung (untervermieten?), über den Job (kündigen?) bis hin zur Anschaung einer wasserdichten Kamerahülle.

Wir blättern in der Broschüre vom Junge-Leute-Abenteuer-Reisebüro einige Straßen weiter. Als hätten wir das Wetter als Kontrast zu unseren tropischen Reisezielen bestellt, peitscht der Regen gegen die Fensterscheibe des Cafés. Und als hätten wir die anderen Gäste nur zu diesem Zweck gecastet, gucken sie alle gänzlich unexotisch und unabenteuerlich auf ihren Käse-Streuselkuchen. Einer lässt gerade seinen Cappuccino zurückgehen, weil ihm zu viel Schokopulver auf dem Milchschaum liegt.

Fünf Standardrouten des Around-the-World-Tickets werden in der Broschüre mit farbenfrohen Weltkarten vorgestellt. Diese Paketangebote von Flügen sollen sich besser verkaufen durch Namen wie »Sushi, Scheich, Riesenschlangen«, »Die Schnorchel Connection« oder »Bambus, Teebaum und Holz vor Onkel Toms Hütte«.

Wir wollen uns – inspiriert von »For Locos Only« – eine eigene Route für unsere Weltreise ab November zusammenstellen und verhandeln darüber nun im Stile von »Tausche Nepal gegen Myanmar« und »Wenn China, dann Cook Islands«. Jahrelang habe ich als Kind mit dickem Bleistiftstrich meine Wunschrouten in den Diercke-Weltatlas eingezeichnet, mir alle Inseln, Kontinente, Städte und Meeresstraßen eingeprägt. Und im Sommer ging es dann meist wieder nur an die Ostsee. Während meine aktuellen Reiseplanungen also vor allem auf diesen Träumen der 80er-Jahre beruhen, ist Paulina besser auf die Realität vorbereitet: Sie weiß längst, dass man günstiger nach Fidschi kommt als zu der von mir präferierten Südseedestination Cook Islands.

Organisierte Mexikanerin trift auf unstrukturierten Deutschen. Überhaupt fällt es Außenstehenden schwer, uns einzuordnen. Insbesondere im Ausland. Da ist dieser kräftige Mittdreißiger mit mitteleuropäischen Gesichtszügen, braunen Haaren, rotblondem Vollbart und der Körperlänge eines Latinos. Und da ist die etwas jüngere Frau, die als Vorbild für Disneys Pocahontas hätte dienen können: Die bronzefarbene Haut der mittelamerikanischen Ureinwohner vermischt sich mit dem Körperbau der südeuropäischen Eroberer. Dazu kommt, dass wir in einem babylonischen Mix miteinander sprechen: Unsere romantische Ausdrucksform ist Spanisch, denn in dieser Sprache haben wir uns bei einem Austauschsemester in Madrid 2002 kennengelernt. Deutsch bestimmt oftmals den Alltag (»Ich hab einen Strafzettel vom Ordnungsamt.«). Und falls die Situation stressig wird – und das passiert natürlich auf einer Weltreise immer mal wieder –, sprechen wir Englisch miteinander. Dann gibt es weniger Missverständnisse und bei auseinandergehenden Meinungen sind unsere verbalen Waffen gleich.

Es geht an jenem Samstag im März in dem Café jedoch nicht nur um unsere Reiseroute, sondern auch um die Frage: Wie wollen wir reisen? Ich habe meine Abenteuer mit 16, 20, 25 im Kopf, als ich durch Europa und Südamerika getingelt bin. Damals nach der Leitlinie: Krasse Sachen erleben, die sich später zu Hause in 1a-Abenteuergeschichten gießen lassen. Und auch mit Paulina bin ich vor mehr als zehn Jahren, jung und frisch verliebt, durch Mexiko gereist: hygienisch fragwürdige Strandhütten, Dschungelwanderung und ein Riesenfreiheitsglücksgefühl im Bauch.

Doch jetzt möchte Paulina mehr Komfort und Planbarkeit.

 

Foto Sascha Tegtmeier: privat

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Viel Spaß beim Lesen

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