Daily Life

Leseprobe: HEROÏNE von Quentin Mouron

12. April 2019

Im neuen Roman von Quentin Mouron, in dem Heroin und Heroin dicht beieinanderliegen, ist kein Platz für Überflüssiges, der Stil ist knapp und pointiert. Das Wesentliche liegt, wie in allen Büchern Mourons darin, wie die Personen erzählt werden. Heroïne ist ein raffiniert geschriebener Roman im Roman, ist Pulp-Komposition, dunkel wie ein Noir, gleissend wie eine Offenbarung

Detektiv Franck, Dandy und bibliophiler Sammler seltener Bücher, ist zurück. Nach der Enthauptung einer Buchhändlerin in Berlin (zu der er eine frivole Beziehung unterhält) kehrt er in die USA zurück, wo er den Auftrag erhält, eine gestohlene Drogenlieferung wiederzufinden. Seine Suche führt ihn nach Tonopah, eine Kleinstadt im amerikanischen Bundesstaat Nevada. Er trifft auf Leah, eine kaum zu lesende Siebzehnjährige, die ihr Kellnerinnengehalt durch Blowjobs im Hinterzimmer aufbessert. Sie hebt sich von all den gebeugten Existenzen in der Kleinstadt ab, sie gehört nicht zu ihnen. Es geht ihr beschissen, sie bringt demnach alles mit für die Person der tragischen Heroin. Franck indessen, abgefuckt und down by snow, hetzt dem Mörder von Leahs Vater hinterher.

OUVERTURE BAROQUE

Die Librairie du Nouveau Monde, in einem nur für Fußgänger passierbaren Gässchen in Prenzlauer Berg, zwischen einer Bierbar und einem koreanischen Fast Food, ist ein Paradies für Bibliophile.

– Sie sehen wie eine Buchhändlerin aus, Mademoiselle Schulz. Dabei haben Sie keine Frisur, die Sie von, sagen wir, der Chefin einer Reinigung oder einer Grundschullehrerin unterscheidet (wenngleich Sie unmöglich Bildhauerin oder Flirtcoach sein könnten). Auch Ihr Blick, Ihr Lächeln oder Ihre Mimik verraten Sie nicht. Es gibt keine spezifische Buchhändlernase, Buchhändlerbraue, keinen eigenen Buchhändlerteint; viele Leute haben die gleiche Nase wie Sie. Dennoch, sofern man überhaupt eine Frau von einer anderen zu unterscheiden vermag, ruft man beim Anblick Ihres Gesichts unwillkürlich aus: »Da haben wir eine Buchhändlerin!« Es liegt nicht an diesem oder jenem besonderen Element, das Ihr Gesicht aufweist; es ist eine ganze Maske, die langsam, durch unmerkliche Bewegungen in Ihrem Inneren, entsteht. Sie werden mehr und mehr Buchhändlerin werden, Mademoiselle. Ihr Profil wird sich schärfen. Die Konturen Ihres Gesichts, Ihrer Maske, Ihres Lebens (diese Wörter sind synonym) werden immer klarer werden. Oh, Sie verkaufen nicht nur Bücher, ich weiß es wohl! Sie wandern, kochen asiatisch, Sie spenden für die Blinden und stecken sich spätabends gern einen Finger in den Hintern und hören dazu Beethoven (vor allem den Mittelfinger, vor allem die späten Quartette). Doch Sie werden stets eine wandernde Buchhändlerin, eine kochende Buchhändlerin, eine spendende Buchhändlerin sein – und eine Buchhändlerin, die sich beim Heimkommen sokratisiert.

Mademoiselle Schulz prustet los.

– Und wer sagt Ihnen, dass ich immer warte, bis ich zu Hause bin?

Franck zieht sich auf dem Umschlag von Crébillon fils’ Tanzaï et Néadarné (in der Ausgabe Pékin [i.e Avignon], Lou-Chou-Chu-la, 1734) eine line. Nachdem er geräuschvoll geschnupft hat, sagt er amüsiert, fast heiter:

– Kommen Sie, Mademoiselle, hier haben Sie nur vage intellektuelle und bescheidene historische Freuden. Sie frönen Ihrer Lust irgendwo zwischen Staub und dem Nichts. Ihre provokante Bemerkung hat Sie indes ein Erröten gekostet; lassen Sie diese Investition nicht vergebens gewesen sein! Drehen Sie sich um, ich bitte Sie!

Franck nimmt sich die alte Buchhändlerin vor und küsst schmachtend ihren Hintern. Sie protestiert. Er packt ihre Schenkel nur umso fester; er gräbt seine Fingernägel hinein. Er frohlockt über dieses schrumplige Hinterteil wie über einen köstlichen Festschmaus. Er schnuppert, er küsst, er leckt, er beißt. »So nicht, Franck!«, ruft die Buchhändlerin. »Ihre Finger, Sie haben mir Ihre Finger versprochen! Und jetzt besprühen Sie mich mit Speichel, schmieren Ihre Spucke auf meinen Hintern, hauen Ihre Beißer hinein! Für wen halten Sie sich?« Wütend richtet sie sich auf.

– Verzeihen Sie meinen Appetit. Ich habe immer einen gewissen Widerwillen, mich meiner Hände zu bedienen, außer um so oft zu einem Buch zu greifen, bis der Einband bricht, oder einen Menschen zu töten.

Die Alte kichert.

– Das ist eine Ihrer Phrasen, Ihrer Maschen, mit denen Sie Ihre Jungfern oder Knäblein beeindrucken können. Bei mir verfängt das nicht. Machen Sie meinen Hintern auf und Ihren Mund zu.

– Wenn Poesie ins Spiel kommt!

Franck streift seinen Siegelring ab und legt ihn auf den Tisch. Er atmet tief ein und schiebt seinen Mittelfinger zwischen die Pobacken der Buchhändlerin, dann auch seinen Zeigefinger.

Autorenfoto: PR

HEROÏNE von Quentin Mouron. Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer und Andrea Stephani.
Originaltitel: L’Âge de l’Heroïne

bilgerverlag.ch

 

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