Weekend

Leseprobe: HALT DICH AN DEINER LIEBE FEST. RIO REISER von Gert Möbius

18. August 2017

In diesem sehr persönlichen Buch, das vor einem Jahr erschien, beschreibt Gert Möbius das Leben seines Bruders, des großen Musikers und Exzentrikers Rio Reiser. Sichtbar werden eine überraschende Persönlichkeit mit all ihren Brüchen und Verzweiflungen und zugleich ein Panorama deutscher Musik- und Politikgeschichte. Eine inspirierende Sommer-Lektüre

Heute ist kaum noch nachzuvollziehen, was die Stadt West-Berlin in den sechziger und siebziger Jahren war.

»Ganz Westberlin war ja eigentlich eine künstliche Angelegenheit«, erzählte Rio. »Kurz darauf kamen auch schon die ersten Rechnungen. Man sagte, es wäre billiger, alle Berliner zu den Preisen, die Neckermann verlangte, nach Mallorca zu schicken, als die Stadt zu subventionieren. Wenn man die Subventionen, die von Bonn aus nach Berlin flossen, genommen hätte, und man hätte alle Berliner inklusive der Studenten den ganzen Kampf in Mallorca austragen lassen, da wäre wahrscheinlich was Interessantes bei rausgekommen. Aber so war’s ne künstliche Stadt, und deswegen lief auch alles unter experimentellen Aspekten. Klar, DTW oder Siemens waren funktionierende Betriebe, aber für einen Westberliner Arbeiter in einer Frontstadt, umgeben vom angeblichen Arbeiter- und Bauernparadies, war es nicht so gut. Viele, die von Haus aus ne kommunistische Tradition hatten, sind auch rübergegangen. Die Grundhaltung war aber eigentlich antikommunistisch, antisozialistisch. Dreißig Jahre lang war in dieser Stadt praktisch nichts passiert außer Propaganda und rund herum eben die Mauer. Weil die vom Nationalsozialismus in die Frontstadt gekommen waren, war auch die SEW, die wiederum von der SED künstlich am Leben gehalten wurde, so eine schwache Partei.«

Kreuzberg war genau das richtige Terrain. Rio und ich waren zwar unterdessen mit sechs anderen Leuten in die Schöneberger Bülowstraße gezogen, aber die Gegend um das Kottbusser Tor blieb unser Aktionsgebiet. Hier entstand aus dem Nichts zu Beginn der siebziger Jahre die Kreuzberger Stadtteilgruppe, und zwar wieder im Gebäude Kottbusser Damm 76, in dem schon Drafi Deutscher seinen Beatclub hatte und die Scherben ihre erste Single aufnahmen. Der Mieter dieser Räume hieß Dirk Schneider, der sich als Moderator der dem linken Spektrum zugeordneten Personen fühlte. Er war Mitherausgeber der in den Räumen über dem »Vereinshaus« produzierten Zeitschrift Agit 883, angeblich beim SFB beschäftigt und wurde in den Neunzigern als IM enttarnt. Möglicherweise war Schneider von der Stasi für den operativen Kampf instruiert worden, aber er versagte als Anführer der Mietergruppe kläglich. Zu dieser Kreuzberger Stadtteilgruppe gehörten neben dem Juso Walter Momper (späterer Regierender Bürgermeister von Berlin), Irene Mössinger, geborene von Lynar (spätere Betreiberin des Tempodroms), Mitglieder der SED, KPD/ML, Lothar Binger und wir, die Bewohner der Bülowstraße.

Wir Kommunarden hatten 1971 eine Siebenzimmerwohnung in der ehemaligen Praxis eines echten Frauenarztes bezogen. Unter uns befand sich ein Puff, und die Frauen, die Tag und Nacht vor unserem schönen Altbau standen, waren zu uns immer freundlich und aufmerksam. Dennoch war klar, dass sie sehr wohl unterscheiden konnten, wer von den Typen auf der Straße und um sie herum ein Freier oder einer vom BKA war. Außerdem gab es in der Stadtteilgruppe welche, die sich um die Rechte der Kreuzberger Mieter zu kümmern hatten, dann die Jugendgruppe, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Herzen der proletarisch geprägten Jugend zu erobern und die Frauengruppe, deren Motto war: »Keine Macht den Männern«.

Foto Gert Möbius: Susanne De Aloisio

Gert Möbius. Halt dich an deiner Liebe fest. Rio Reiser

www.aufbau-verlag.de

© 2019 Robert’s