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Leseprobe: ES WAR EINMAL EINE STADT von Thomas Reverdy

6. Oktober 2017

Der Traum des grenzenlosen Kapitalismus, der Traum von Reichtum und Fortschritt, ist im September 2008 endgültig geplatzt. Das gilt für Eugène, den gescheiterten Manager genau wie für die Stadt, in die man ihn geschickt hat: Detroit – einst das Herz der aufstrebenden Industrienation USA – jetzt nur noch Rost und Ruinen. Hier kreuzt Eugènes Weg den von Charlie, einem Zwölfjährigen, der sich auf die falschen Freunde eingelassen hat. Es wird nicht die einzige Schicksalsbegegnung bleiben…

Wie eine Erleuchtung durchzuckte es ihn in den ersten paar Tagen in Detroit.

Das war im September 2008, am Vorabend der Krise. Nachdem sie ihn dort abgesetzt hatten, Tausende Kilometer von zu Hause entfernt, mit den Schlüsseln zu einem kleinen Vorstadthaus, das nicht viel größer und nicht besser möbliert war als die Firmen- unterkünfte für Alleinstehende, und seinem Dienstwagen, einem rundlichen Japaner mit Hybridantrieb, am Rande einer Stadt vor dem Zusammenbruch, an einem der statistisch betrachtet gefährlichsten Orte der Welt, als ob er so etwas wie ein Blauhelm wäre, und es gab nicht einmal einen Teebeutel in den Küchenschränken, nicht einmal eine verdammte Packung Nudeln. Die ADSL-Leitung funktionierte noch nicht, und die amerikanischen SIM- Karten passten nicht in sein Handy. Er würde sich ein neues kaufen müssen, einen Vertrag abschließen und ein Bankkonto eröffnen. Montag. Er dachte an den lächelnden Patrick, das amerikanische Faktotum. Klar war das eine Falle. Wie vor einem Jahr in China mit der Dolmetscherin der Partei.

Er begriff, dass er allein war. Dass die Firma ihn schon von Anfang an aufgegeben hatte, von jeher. Die Immobilienkrise mit dem Zusammenbruch der Banken und dem daraus folgenden Niedergang kreditfinanzierter Unternehmen hatte das alles nur beschleunigt, weil Krisen das immer tun.

Anfangs hielt Eugène es für Wut.

Er stürzte aus dem Haus, aber statt nach dem nächsten Multiservice-Einkaufszentrum zu suchen, fuhr er direkt in die Stadt. Automatisch, aus Neugier und weil die Flyer der Firma, in die er nur einen kurzen Blick geworfen hatte, als er in dem leeren Bungalow festsaß, in sieben Sprachen davon abrieten. Er nahm die Woodward Avenue, bog in die Eight Mile Road ein, fuhr die Gratiot Avenue Richtung Zentrum und zurück auf die Woodward Avenue, wo er nach einer Bar Ausschau hielt.

Zum ersten Mal wurde es Abend in der Stadt.
Überall roch es nach anderswo.
Leerstehende dunkle Gebäude mit zugemauerten oder mit Brettern vernagelten Fenstern hoben sich von der indigofarbenen Dämmerung ab wie eine furchterregende Menge schlafender Giganten aus Stein und Schatten. Andere, deren Zwischenwände abgerissen worden waren, um die Statik zu entlasten und einen Einsturz zu verhindern, wirkten dagegen wie Kathedralen, wie durch feinziselierte Kirchenfenster konnte man durch sie in den Himmel sehen.

Die Schilder der Restaurants, der Tankstellen und der wenigen noch nicht geschlossenen Delis waren anscheinend seit mindestens dreißig Jahren nicht erneuert worden. Die Schriften blinkten rot und blau, grün und gelb, orange und blau, rot und gelb, in gotischen Lettern wie bei den Tigers oder kursiv wie bei Coca-Cola. Taghell erleuchtete Fastfoodläden und Diners rissen Löcher ins Dunkel unbeleuchteter Straßen. Die Kunden saßen wie in einer Auslage, schwere Kolosse, die sich über Plastiktabletts beugten und kraftvoll in labbrige Sandwiches bissen.

Die Eight Mile Road war ein Boulevard voller Striplokale; die meist rosafarbenen oder roten Neonschilder warben mit Silhouetten von Frauen im Profil, die nachts einsam verschiedene Posen des Kamasutra tanzten.

Natürlich lungerten auch Leute draußen rum, einmal gab er sogar Gas, weil die Straße, durch die er fuhr, schmaler und voller war, als er sich das vorgestellt hatte. Er sah, wie sich ihm die Gesichter zuwandten, als das Scheinwerferlicht sie streifte – aber wenn er es sich recht überlegte, waren es vielleicht auch nur Kinder, die einen der letzten milden Sommerabende genossen.

An den von Trümmergrundstücken gesäumten Straßen standen hin und wieder kleine Häuschen, und wenn irgendwo das Licht auf der Veranda anging, konnte er oft eine schäbige Bank oder ein abgewetztes Sofa darauf erkennen; die Häuschen wirkten eher ländlich und passten nicht recht zur Stadt, aber sie kamen ihm jetzt weniger trist vor als im hellen Tageslicht, von der Autobahn aus gesehen. Vor allem aber lange nicht so trist wie die standardisierten Bungalows in dem etwas gehobeneren Vorort, in dem er untergebracht worden war. Wenn die Hausnummer nicht auf dem Briefkasten stand, schoss es ihm durch den Kopf – er hatte nicht daran gedacht, das zu überprüfen, bevor er losfuhr –, hatte er Pech gehabt und würde sein Haus niemals wieder finden.

Foto von Thomas Reverdy: © David Ignaszewski-Koboy

ES WAR EINMAL EINE STADT von Thomas Reverdy wurde aus dem Französischen von Brigitte Große übersetzt

Berlin Verlag

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