Daily Life

Leseprobe: EIN GENTLEMAN IN MOSKAU von Amor Towles

25. August 2017

Moskau, 1922. Der genussfreudige Lebemann Graf Rostov wird verhaftet und zu lebenslangem Hausarrest verurteilt, ausgerechnet im Hotel Metropol, dem ersten Haus am Platz. Er muss alle bisher genossenen Privilegien aufgeben und eine Arbeit als Hilfskellner annehmen. Rostov mit seinen 30 Jahren ist ein äußerst liebenswürdiger, immer optimistischer Gentleman. Trotz seiner eingeschränkten Umstände lebt er ganz seine Überzeugung, dass selbst kleine gute Taten einer chaotischen Welt Sinn verleihen. Aber ihm bleibt nur der Blick aus dem Fenster, während draußen Russland stürmische Dekaden durchlebt. Seine Stunde kommt, als eine Unbekannte ihm ihre kleine Tochter anvertraut. Das Kind ändert sein Leben von Grund auf. Für das Mädchen und sein Leben wächst er über sich hinaus.
Der ehemalige Investment-Banker Amor Towles lebt in New York und gilt dort als wahrer Gentleman!

21. Juni 1922 erschienen ist Graf Alexander Iljitsch Rostov vor dem Notstandskomitee des Volkskommissariat für innere Angelegenheiten

 

Vorsitzende: Genossen V.A. Ignatow, M.S. Zakowski, A.N. Kosarew
Staatsanwalt: A.J. Wischinski

Staatsanwalt W.: Geben Sie Ihren Namen an.
Rostov: Graf Alexander Iljitsch Rostov, Träger des Ordens des Heiligen Andreas, Mitglied des Jockey-Clubs, Meister der Jagd.
Wischinski: Sie mögen auf Ihren Titeln bestehen, aber sonst nützen die niemandem. Für das Protokoll: Sind Sie Alexander Rostov, geboren am 24. Oktober 1889 in St. Petersburg?

Rostov: Der bin ich.
Wischinski: Bevor wir anfangen, muss ich doch sagen, dass ich noch nie ein Jackett mit so vielen Knöpfen gesehen habe.

Rostov: Vielen Dank.
Wischinski: Das war nicht als Kompliment gemeint.
Rostov: In dem Fall verlange ich Satisfaktion auf dem Feld der Ehre. [Gelächter]

Schriftführer Ignatow: Ruhe auf der Galerie.

Wischinski: Ihre derzeitige Adresse?

Rostov: Suite 317, Hotel Metropol, Moskau.
Wischinski: Seit wann wohnen Sie dort?
Rostov: Ich residiere dort seit dem 5. September 1918. Seit knapp vier Jahren.
Wischinski: Und Ihr Beruf?
Rostov: Für einen Gentleman geziemt es sich nicht, einen Beruf zu haben.
Wischinski: Also gut. Wie verbringen Sie Ihre Zeit?
Rostov: Mit Dinieren und Debattieren. Lesen und Reflektieren. Das Übliche.
Wischinski: Und Sie schreiben Gedichte?
Rostov: Ich habe wohl schon einmal mit der Feder gerungen. Wischinski [hält ein Pamphlet hoch]: Sind Sie der Urheber dieses Langgedichts von 1913, »Wo ist es jetzt?«
Rostov: Es ist mir zugeschrieben worden.
Wischinski: Warum haben Sie das Gedicht geschrieben?

Rostov: Es verlangte, geschrieben zu werden. Eines Morgens saß ich an einem Schreibtisch, als das Gedicht geschrieben werden wollte.
Wischinski: Und wo genau war das?
Rostov: Im Südsalon von Gut Weile.
Wischinski: Gut Weile?
Rostov: Das Landgut der Rostovs in Nischni Nowgorod. Wischinski: Ah, ja. Natürlich. Wie passend. Aber widmen wir uns wieder dem Gedicht. Als es erschien, in den eher bedrückenden Jahren nach der fehlgeschlagenen Revolte von 1905, wurde es weitläufig als Aufruf zum Handeln verstanden. Stimmen Sie dieser Einschätzung zu?

Rostov: Dichtung ist immer ein Aufruf zum Handeln.

Wischinski [liest seine Notizen]: Und im Frühjahr des folgenden Jahres verließen Sie Russland und gingen nach Paris?

Rostov: Ich glaube mich an blühende Apfelbäume zu erinnern. Demnach war es wohl Frühling.
Wischinski: Am 16. Mai, um genau zu sein. Wir verstehen Ihre Gründe für das selbstauferlegte Exil, und wir haben auch einiges Verständnis für die Handlungen, die dieser Flucht vorausgingen. Was uns interessiert, ist Ihre Rückkehr 1918. Es stellt sich die Frage, ob Sie zurückgekommen sind in der Absicht, zu den Waffen zu greifen, und wenn ja, ob für oder gegen die Revolution.

Rostov: Meine Zeit, zu den Waffen zu greifen, gehörte da schon der Vergangenheit an, fürchte ich.

Wischinski: Warum sind Sie dann zurückgekommen?

Rostov: Ich habe das Klima vermisst.

[Gelächter]

Wischinski: Graf Rostov, Sie scheinen den Ernst Ihrer Lage nicht zu erfassen. Außerdem lassen Sie es an gebührendem Respekt für die vor Ihnen Versammelten mangeln.

Rostov: Die Zarin hat zu ihrer Zeit die gleichen Beschwerden geäußert.

Ignatow: Vorsitzender Wischinski. Dürfte ich …

Wischinski: Schriftführer Ignatow.
Ignatow: Ich habe keinen Zweifel, Graf Rostov, dass mancheiner auf der Galerie von Ihrem Charme überrascht ist, ich hingegen bin nicht im mindesten überrascht. Die Geschichte hat gezeigt, dass Charme der einzig verbleibende Ehrgeiz der begüterten Klasse ist. Überraschend erscheint mir hingegen, dass der Urheber des vorliegenden Gedichts ein Mann geworden ist, dem absichtsvolles Streben offenbar vollkommen fremd ist.

Rostov: Ich bin mit dem Eindruck aufgewachsen, das einzige Streben des Menschen sei es, Gott zu erkennen.

Ignatow: In der Tat. Wie Ihnen das zugesagt haben muss. [Das Komitee zieht sich für zwölf Minuten zurück.]

Ignatow: Alexander Iljitsch Rostov, nach umfassender Betrachtung Ihrer eigenen Aussagen können wir nur zu der Annahme gelangen, dass der klarsichtige Geist, der das Gedicht »Wo ist es jetzt?« verfasst hat, unwiederbringlich den Korruptionen seiner Klasse anheimgefallen ist und jetzt eine Bedrohung derselben Ideale darstellt, die er einst verfochten hat. Auf dieser Grundlage sehen wir uns geneigt, Sie aus diesem Saal an die Mauer draußen zu führen. Für einige hohe Funktionäre sind Sie jedoch einer der Helden der vorrevolutionären Zeit. Deshalb kommt dieses Komitee zu dem Schluss, dass Sie in das Hotel zurückkehren sollen, wo es Ihnen so gut gefällt. Aber dessen können Sie gewiss sein: Sollten Sie das Hotel Metropol jemals verlassen, werden Sie auf der Stelle erschossen.

Der nächste Fall.

Unterschrieben von V.A. Ignatow M.S. Zakowski A.N. Kosarew

Foto Amor Towles: David Jacobs

Das Buch erscheint am 8.September 2017. Die 560 Seiten hat Susanne Höbel aus dem Amerikanischen übersetzt.

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