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Leseprobe: DIE KANZLERIN. Eine Fiktion von Konstantin Richter

4. August 2017

Was geht im Kopf der Kanzlerin vor? Und was hatten Kohlrouladen und die Opern von Wagner mit ihrer Flüchtlingspolitik zu tun? Dieses Buch lässt Angela Merkel als tragikomische Figur von Shakespeare’schem Format lebendig werden. Überraschend, scharfzüngig und äußerst amüsant. Konstantin Richter, 1971 geboren, aufgewachsen in Berlin und Hamburg, begibt sich mit der Kanzlerin nach Bayreuth und besucht eine Aufführung von Tristan und Isolde. Es folgt seine ganz eigene, fiktive Sicht auf die mächtigste Frau der Welt.

Die Kanzlerin hatte sich vorgenommen, die ruhigeren Passagen von Tristan und Isolde zu nutzen, um über ein paar Dinge nachzudenken.

Im Ersten Aufzug wollte sie das Griechenland-Hilfspaket behandeln. Im Zweiten Aufzug würde sie sich den hohen Asylbewerberzahlen widmen. Und im Dritten Aufzug hätte sie vor dem Liebestod bestimmt noch ein paar Minuten, um ein weiteres Mal die Minsker Vereinbarung durchzugehen, die den Frieden in der Ostukraine sichern sollte.

Zuhören wollte die Kanzlerin auch ein bisschen. Sie mochte klassische Musik, besonders Opern. So stand es zumindest auf ihrer Homepage. Nur hatte sie Tristan und Isolde schon oft gesehen. Sie war mit Handlung und Rezeptionsgeschichte hinreichend vertraut. Außerdem hatte sie die Mappe gelesen, die ihre Mitarbeiter zusammengestellt hatten. Etwaige Fachfragen, mit denen ja immer zu rechnen war, würde sie mühelos beantworten. Kurz: Sie konnte es sich leisten, einen Teil der Zeit, die ihr in Tristan und Isolde zur Verfügung stand, für die Arbeit abzuzweigen.

Die Kanzlerin fand ihren Platz in der Mittelloge des Bayreuther Festspielhauses. Da, wo vor mehr als hundert Jahren auch der König von Bayern gesessen hatte. Ihr Ehemann, auf dem Stuhl rechts neben ihr, fragte, ob sie das Telefon angelassen habe. Sie griff in die Handtasche. Selten, fast nie hatte sie das Telefon mehrere Stunden lang ausgeschaltet, bloß hier, in Bayreuth, wo ihr Mann darauf bestand, dass sie auch während der Pausen keine Textnachrichten schrieb. Was in Ordnung ging. Einmal im Jahr. Im Hochsommer.

Die Kanzlerin presste den Po gegen die Lehne des Stuhls, um aufrecht zu sitzen, wenn das Vorspiel begann. Ihr Kleid spannte. Sie hatte sich für ein zweiteiliges Ensemble entschieden, knöchellang, himmelblau. Die für diese Dinge zuständige Beraterin hatte ihr zu Blau geraten, weil im Vorfeld zu hören war, dass Tristan und Isolde ebenfalls Blau tragen würden. Doch das Kleid saß schon ein bisschen eng. Und es war heiß im Festspielhaus. Sehr heiß. Die Kanzlerin hatte in der Mappe gelesen, dass die Festspielleitung eine Firma beauftragt hatte, Messungen durchzuführen. Angeblich betrugen die Temperaturen im Zuschauerraum bis zu 30 Grad. Mit der Hand fächelte sich die Kanzlerin Luft zu. Sie fühlte sich schwach an diesem Spätnachmittag. Es ging ihr nicht gut, rein physisch. (Aber sie hätte auch nicht gewollt, dass man ihr zuliebe Umstände machte, die anderen Opernfreunde ertrugen die Hitze ja auch.)

Hinzu kam, dass die Kanzlerin soeben, auf dem Weg ins Festspielhaus, dem bayerischen Ministerpräsidenten begegnet war. Es verspreche nun wirklich eine spannende Auführung zu werden, hatte sie unnötigerweise gesagt, und da der bayerische Ministerpräsident gefragt hatte: »Wieso spannend?«, war sie ins Detail gegangen, obwohl sie doch wusste, dass der bayerische Ministerpräsident empfindlich war und es hasste, wenn sie sich besser informiert zeigte als er. Dass die Sopranistin auf Weisung des Dirigenten ausgetauscht worden sei, hatte sie gesagt. Und dass man mit Interesse darauf schaue, ob der jungen Festspielleiterin der Tristan gelingen würde. Die Meistersinger nämlich habe die Festspielleiterin vor ein paar Jahren – die Kanzlerin hatte es salopp formuliert, weil sie nicht ober- lehrerhaft klingen wollte – »glatt vergeigt«. Der bayerische Ministerpräsident hatte genickt (spöttisch, wie ihr schien) und sie einfach stehenlassen.

Mit Unbehagen dachte die Kanzlerin an die Begegnung zurück, sodass sie gar nicht bemerkte, wie die Lichter erloschen und das Publikum verstummte. Der dissonante Akkord, mit dem die Oper dann einsetzte, irritierte die Kanzlerin. Obwohl sie den berühmten Akkord kannte und wusste, dass die Irritation beabsichtigt war, traf er sie unvorbereitet. Wagner hatte einen Akkord gewählt, der reizen und aufwühlen sollte, das war schon klar. Aber irgendwie schien ihr der Tristan-Akkord heute noch un- angenehmer als sonst. Lag es an der Interpretation des Dirigenten? Oder an der Hitze? Oder daran, dass der dissonante Akkord mit dem nicht minder dissonanten Gedanken an den bayerischen Ministerpräsidenten zusammentraf?

Die Musik beruhigte sich und ging über in jene wogenden Tonfolgen, die Wagner als »unendliche Melodie« bezeichnet hatte. In der Vergangenheit hatte die Kanzlerin Wagners unendliche Melodien oft zum Anlass genommen, um über komplexe Sachverhalte nachzudenken. Und die griechische Schuldenkrise, die sie auch schon unendlich lang beschäftigte, schien ihr wie gemacht für so eine unendliche Melodie. Doch diesmal störte sie die Musik in ihrer Konzentration. Die ganze Oper erschien ihr fürchterlich überspannt. Ja, sie ärgerte sich sogar über den Komponisten. Mit Tristan und Isolde hatte Wagner, wie sie wusste, die musikalische Entsprechung eines starken Gefühls schaffen wollen, das Werk war Ausdruck eines quälenden Sehnens – und die Kanzlerin dachte, dass sie sich in diesem Moment sicherlich nicht sehne, aber, verdammt noch mal, sie quälte sich schon ein bisschen.

Vielleicht, so dachte die Kanzlerin dann, war es an der Zeit, einmal zu überlegen, ob sie Wagner wirklich mochte. Sie schüttelte den Kopf und betrachtete ihren Ehemann von der Seite. Er hatte sein Opernglas auf die Bühne gerichtet, auf das hässliche Labyrinth aus Treppen und Brücken, das die Bühnenbildner aufgetürmt hatten. Hoffentlich hatte wenigstens er seinen Spaß. Ganz hatte sie nie verstanden, was ihn – den Quantenchemiker, der so lärmempfindlich war, dass er zu Hause am Kupfergraben auf dicken Strickstrümpfen über das Eichenparkett schlich und von ihr selbiges erwartete – ausgerechnet an Wagner reizte. Er war es, der Wagner so sehr liebte, nicht sie. Zwar hatte sie Wagner irgendwann zu ihrem Lieblingskomponisten erklärt. Aber das war eher ein Zugeständnis gewesen, nicht nur an ihren Mann, sondern auch an den konservativen Flügel ihrer Partei, der Wagner mehrheitlich ebenfalls schätzte.

Die Kanzlerin selbst hätte in diesem Moment etwas Leichtes bevorzugt. Eine Operette von Franz Lehár.

Portraifoto: Steffen Jänicke

Konstantin Richter. Die Kanzlerin. Erschienen bei Kein & Aber. 18 Euro

www.keinundaber.ch

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