Daily Life

Leseprobe: DER VORLETZTE SAMURAI

26. Januar 2018

Rätsel, Regeln und Rituale – Dennis Gastmann macht sich auf, Japan zu erkunden, ein Land, das noch immer unvergleichlich fremd und geheimnisvoll wirkt. Dabei ist er nicht allein: Natsumi, seine Frau, die aus einer Samurai-Familie stammt, begleitet ihn. Seine Reiseerzählung ist das Porträt eines Landes zwischen Anarchie und Ordnung, Besessenheit und Zen – und ein sehr persönliches Abenteuer: Kann ein „Gaijin“, ein Fremder, eine Kultur verstehen, die ein Fremder gar nicht verstehen kann?

Langsam, ganz langsam wogten die Laternen im Abendwind, als sich ein zierliches Wesen vor uns verneigte. Es wartete auf dem Gehweg und wies nickend auf eine Stiege, die hinauf in einen Pagodenbau führte.

Äußerlich, inmitten all der Wohntürme, die ihn überragten, war er mir klein vorgekommen wie ein Teehaus. In seinem Inneren aber wollte er nicht enden. Verwinkelt und verwunschen, schien er neunundneunzig Zimmer in sich zu bergen, eines wie das andere verschlossen, als hüteten sie Geheimnisse. Ihre Türen waren bloß aus Papier, und doch konnte ich dahinter nur Schatten erkennen.
In jedem Winkel, auf jedem Gang und an der Schwelle jeder Kammer knieten Frauen. Sie trugen Kimonos und waren in gleicher Weise gealtert wie ihr Lokal, das so mancher, trotz seiner wächsernen Aura und der Wasserflecken an den Decken, zu den edelsten des Landes zählte. Das Dekor beschränkte sich auf ein Gesteck im Entree und eine Tuschezeichnung an einem Nagel darüber, die nichts weiter zeigte als einen Apfel, rot wie ein Tropfen Blut auf einer Trauerkarte. Wie ausgesucht dieser Ort war, verrieten die Mienen der Bediensteten, die zwar den Blick vor uns senkten, es aber mit einer solchen Klasse taten, dass sie dabei nicht geringer wirkten.
Der einzige Herr unter ihnen, nahezu ein Greis, krümmte sich vor einer Kommode und legte unsere Schuhe hinein, als seien sie aus Kristall. So schritten wir auf Strümpfen durch das Reich der Kauernden, die mit jedem Meter, den wir gingen, und mit jeder Biegung, die sich zwischen Reisstroh, Holz und Sandputz bahnte, um weitere Jahre reiften. Es war, als würde das Haar der Frauen von Flur zu Flur an Schwärze verlieren. Ihre Brauen zogen sich zu Fäden zu sammen, und über ihre Züge legte sich ein milchiger Schleier, blass und bleich wie eine Maske.
Die wohl Betagteste lugte aus dem Dunkel eines Spalt hervor. Sie saß buchstäblich in der Wand, ganz am Ende eines Korridors. Weil ihre Finger damit beschäftigt waren, Scheine zu zählen, und ihre Pupillen indes über eine Liste mit Zahlen und Schriftzeichen wanderten, senkte sich ihr Kinn eher beiläufig, als wir sie passierten. Unser Pfad bog nun nach rechts und abermals nach links, wo sich zwei Damen aus der Hocke erhoben. Sie legten die Aderhände an eine Schiebetür, fuhren sie sachte beiseite und ahnten wohl nicht, wie oft ich mir diesen Moment in Gedanken vorgestellt hatte.
Vier Sommer und vier Winter war ich nun mit Natsumi zusammen. Vier Jahre, in denen sie mir von ihren Verwandten in Japan erzählt hatte. Von Cousinen aus Kyoto, der Stadt der Kaiser, und Cousins aus Osaka, der Stadt der Lichter. Von einer wunderlichen Lieblingstante aus Kōbe, die seit Jahrzehnten unsere Sprache lerne und bisher kein einziges Wort herausgebracht habe – außer der Vokabel «Entenfamilie». Von dem einstigen Herrenhaus ihrer Vorfahren, das mit jeder Erwähnung größer wurde, und von all den Dienern, die dort einmal gearbeitet hätten, einige in den Gemächern, andere in den Gärten. Natsumi stammt aus der Linie eines Samurai, und er scheint stets an ihrer Seite zu wandeln. Sie mag zerbrechlich wirken, aber ich habe sie nie weinen sehen. Eine Kriegerin verliert keine Tränen, und sollte es dennoch geschehen, dann nur im Stillen. Mir ist, als habe sie drei Gesichter: Eines zeigt sie der Welt, das zweite zeigt sie mir, und das dritte sieht nur sie selbst, im Wandspiegel, wenn die Tür hinter ihr verriegelt ist und keine Seele stört. Natsumis Mutter ist Japanerin, ihr Vater kommt vom Bodensee, und die ersten Takte ihres Lebens spielten hier, in Tokyo, umschwirrt von dreißig Millionen Stimmen. Ironisch aber, wie das Leben ist, lotste es ihre Eltern bald an den Deich. So war Natsumi zur Melodie des Alten Landes groß geworden, jenseits der Elbe. Dort, wo die Backsteinhöfe reetgedeckt sind und das Tageblatt hin und wieder neugierig um ein Foto bat, wenn ein Verwandter aus dem ach so fernen Osten zu Besuch war.
In Japan nennt man sie hāfu, eine Halbe, und auch ich hatte immer das Gefühl, sie nur zur Hälfte zu kennen. Morgens, wenn ich gebannt zusah, wie sie ein Rührei mit Stäbchen quirlte, und fragte, ob es nicht an der Zeit sei, in ihre zweite Heimat zu reisen, zögerte sie. Sicher, wir könnten fliegen, sagte sie dann. Aber vermutlich würden uns ihre Angehörigen nicht empfangen. Nicht gemeinsam. Nicht ohne Ring. Eine japanische Familie sei etwas Intimes, so verletzlich wie ein Herz, und wer lässt schon gern jemanden in sein Innerstes, der nicht bleibt?
Nun war es so weit. Wir hatten vor vierzehn Tagen geheiratet, an einem 4. Juni, und in den kommenden viereinhalb Wochen standen uns vier Zusammenkünfte mit vier Zweigen der Verwandtschaft bevor, um unsere Hochzeit nachzufeiern. Vier Jahre hatte mich Natsumi darauf vorbereitet, und doch war mir so, als wüsste ich gar nichts über dieses Land. Ich wusste aber, dass die Vier im japanischen Aberglauben für den Tod steht, und wenn er irgendwo auf dieser Welt zu Hause war, dann wohnte er hier, in diesem Lokal.
Als sich die Schiebetür öffnete, schnellten die Leute dahinter von ihren halbhohen Stühlen auf. Japanisches, gesittetes Chaos: Es ist laut und exzentrisch, doch so rasch es anschwillt, beruhigt es sich auch wieder. Es wirkt konfus, aber wer sich mitten hineinbegibt, stellt fest, dass es einer inneren Ordnung folgt.

Autorenfoto: Axel Martens

Dennis Gastmann, DER VORLETZTE SAMURAI, erschienen bei rowohlt

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