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Leseprobe: BIOS von Daniel Suarez

2. Dezember 2017

Bevor Daniel Suarez mit dem Schreiben begann, machte er als Systemberater Karriere und entwickelte Software für zahlreiche große Firmen der Militär-, Finanz- und Unterhaltungsindustrie. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 2006 unter Pseudonym im Eigenverlag. Nachdem das Buch die Internet- und Gaming-Community im Sturm erobert hatte, wurde ein großer Verlag darauf aufmerksam. Mit BIOS versetzt er seine Leser in das Jahr 2045 und den Kampf gegen die Genkriminalität.

«Bevor wir anfangen, Mr. und Mrs. Cherian, haben Sie noch Fragen zum Gen-Editing?» Der Berater biss herzhaft in ein Vada Pav, während er sich durch die Daten klickte.

Das junge Mumbaier Ehepaar wechselte unsichere Blicke. Ende zwanzig, gepflegt und in adrettem Business-Casual passten die beiden nicht in dieses vollgepfropfte, schmuddelige, fensterlose Büro. Aber hier saßen sie nun. Besonders die Frau schien sich unbehaglich zu fühlen.

Der Ehemann schüttelte den Kopf. «Im Moment nicht, nein.» Er sah seine Frau ermutigend an. Tätschelte ihr Knie.

«Können Sie uns das Verfahren erklären?», fragte sie.

Der Berater antwortete mit vollem Mund: «Ah, eine wissbegierige Natur.»

Sie musterte ihn kritisch.

Ihr Mann schaltete sich ein. «Meine Frau und ich sind beide Juristen. Angesichts des rechtlichen Status unseres Vorhabens verstehen Sie sicher, dass wir zu diesem Thema nicht auf unseren eigenen Geräten recherchieren wollten.»

«Nun denn …» Der Berater schluckte den Bissen hinunter und wischte sich die Finger an einer zerknitterten Papierserviette ab. «Ich habe hier etwas, das Ihre Fragen beantworten dürfte.» Er kramte geräuschvoll in einer Schublade, förderte schließlich ein Gerät von der Größe und Form eines Taschenbuchs zutage und legte es auf den unordentlichen Schreibtisch. Als er das Gerät berührte, fuhr es sich zu einem Kegel aus, der mehrere nach vorn und hinten gerichtete Linsen aufwies. Während es bootete, leuchtete es innen weiß.

Die Frau zog eine stylishe Sonnenbrille aus der Hantasche und setzte sie auf. «Ein Glim? Glauben Sie, wir erlauben Ihnen, unsere Netzhäute zu erfassen? Das kommt überhaupt – »

«Kein Netzhautscan, Mrs. Cherian, keine Bange. Nur eine kleine In-Eye-Präsentation.»

Der Mann sah seine Frau an. «Sie haben unsere DNA, Liebes. Die Retina kann da wohl unsere geringste Sorge sein.»

«Neelo, ich will, dass unser Embryo in die Klinik zurückgebracht wird.»

«Aber Liebes, wir – »

«Das hier ist doch ein völlig vergammelter Laden. Ein bankrott gegangenes Exportbüro, wie es aussieht.»

«Alles Tarnung, Mrs. Cherian. Wir wollen keine unnötige behördliche Aufmerksamkeit auf uns ziehen. Aber seien Sie versichert, finanziell sind unsere Labors bestens aufgestellt – der Betreiber ist das größte Gen-Editing-Konsortium der Welt: Trefoil. Über eine so avancierte technische Ausstattung verfügt sonst niemand.»

«Du weißt doch, Liebes, sie sind uns wärmstens empfohlen worden.»

Die Frau hängte sich die Tasche um, als wolle sie gehen. «Neelo, wir sind gesetzestreue Menschen.»

«Das haben wir längst besprochen, mein Engel. Grundsätze sind etwas Wunderbares, aber andere Elternpaare tun es doch auch. Wir müssen ebenfalls alles in unserer Macht Stehende tun, um unseren Sohn für die Welt zu rüsten, in der er leben wird.» Er deutete auf das Glim auf dem Tisch. «Wollen wir uns nicht einfach die Präsentation ansehen und dann entscheiden?»

Sie seufzte – und nahm zögernd die Sonnenbrille wieder ab.Der Berater strahlte. «Sehr gut. Bitte blicken Sie geradeaus. Das Gerät wird Ihre Netzhäute im Nu finden.»

Gleich darauf sah das Ehepaar, wie in der Luft über dem Schreibtisch ein sehr detailliertes Modell der DNA-Doppelhelix entstand. Es drehte sich – ein absolut überzeugendes virtuelles Objekt, scheinbar so real wie der Schreibtisch selbst. Und doch existierte die schwebende DNA nur als hochauflösendes plenoptisches Lichtfeld, das direkt auf ihre Netzhäute projiziert wurde und für niemanden sichtbar war, dessen Augen das Glim nicht anvisierte.

Solche Lichtfeldprojektoren hatten in den letzten zehn Jahren physische Fernseher, Computerbildschirme und die OLED-Displays von Mobilgeräten weitgehend abgelöst. Bilder in gebündelter Form direkt auf die Netzhaut des Be- trachters zu projizieren, statt wahllos Photonen in die Umwelt abzustrahlen, hatte viele Vorteile – authentische erwei- terte Realität war einer davon. Umweltverträglichkeit ein zweiter. Und Vertraulichkeit ein dritter.

Über einen fokussierten Schallstrahl hörten sie eine Sprecherinnenstimme sagen: «Die 2012 entwickelte CRISPR-Technologie ist ein Suchen- und Ersetzen-Tool für die Modifizierung von DNA – der Blaupause allen Lebens.»

Das Wort «CRISPR» erschien, und die Buchstaben erweiterten sich nacheinander zu ganzen Wörtern.

«CRISPR steht für ‹Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats›. Das sind Abschnitte sich wiederholender DNA. Die Methode basiert auf einem natürlichen Abwehrmechanismus von Bakterien, der von der modernen Wissenschaft dahingehend adaptiert wurde, eine gezielte Genom-Bearbeitung bei Pflanzen, Tieren und menschlichen Embryonen zu erlauben.»

In der 3-D-Animation erschien jetzt ein RNA-Molekül mitsamt Beschriftung.

«Zunächst wird bei dem Verfahren ein Leit-RNA-Molekül sowohl mit einer zielführenden Target-Gensequenz als auch mit einer Fracht-Gensequenz versehen …»

Beide Sequenzen wurden durch eine Beschriftung gekennzeichnet und in das RNA-Molekül eingefügt.

Das Portrait von Daniel Suarez hat Frank Buddenbrock aufgenommen.

Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder von der Tann, 544 Seiten für ca. 13 Euro

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