Daily Life

Leseprobe: BEKENNTNISSE EINER MASKE von Yukio Mishima

9. November 2018

Kochan ist nicht nur körperlich schwächer als seine Mitschüler, auch seine Gefühle machen ihn zum Außenseiter. Während die anderen mit Frauengeschichten prahlen, entwickelt er eine Faszination für Tod, Gewalt und den männlichen Körper. Unter den strengen Blicken der japanischen Gesellschaft beginnt er, eine Maske zu formen, die sein wahres Selbst verbergen soll. Mehr noch: Er will sie sich als neue Identität aufzwingen. Die Beziehung zu dem Mädchen Sonoko soll alle, einschließlich ihn selbst, hinters Licht führen.

Lange Zeit habe ich behauptet, ich könnte mich an meine Geburt erinnern.

Bei den Erwachsenen hat das immer für Gelächter gesorgt, doch letztlich glaubten sie, ich würde mich über sie lustig machen. Sie musterten den blassen Knaben, dessen Gesicht so gar nichts Kindliches an sich hatte, mit einem Blick leichten Abscheus. Als ich meine Behauptung einmal vor nicht so vertrauten Besuchern kundtat, unterbrach mich meine Großmutter, die fürchtete, man könnte mich für einen Idioten halten, und schickte mich nach draußen zum Spielen.

Meistens lachten die Erwachsenen und versuchten, mich mit wissenschaftlichen Erklärungen zu widerlegen. Damit auch ein Kind ihren Ausführungen folgen konnte, redeten sie mit theatralischem Eifer auf mich ein: Neugeborene hätten bei ihrer Geburt noch gar nicht die Augen geöffnet, und sollte dies ausnahmsweise doch einmal der Fall sein, gelangten sie mit Sicherheit zu keiner so klaren Anschauung, dass sie sich später daran erinnerten. »Hab ich nicht recht?«, sagten sie und schüttelten mich, zutiefst misstrauisch, wie ich noch immer war, an meinen schmalen Schultern. Sie schienen zu glauben, mir fast auf den Leim gegangen zu sein. Er ist zwar ein Kind, aber wir müssen auf der Hut sein, bestimmt will uns der Junge in eine Falle locken und uns »darüber« ausfragen. Warum fragt er denn nicht in kindlicher Unschuld: »Woher komme ich? Warum wurde ich geboren?« Also schwiegen die Erwachsenen und blickten mich mit einem dünnen Lächeln an, als fühlten sie sich zutiefst verletzt, auch wenn sie nicht wussten, warum.

Doch ihre Sorge war unbegründet. Ich hatte überhaupt nicht vor, etwas »darüber« zu erfahren. Ohnehin wäre ich nie auf die Idee gekommen, sie in eine Falle zu locken, ich hatte viel zu große Angst, sie zu kränken.

Aber all den Erklärungen zum Trotz, und obwohl sie über mich lachten, glaubte ich fest daran, mich an meine Geburt zu erinnern. Wahrscheinlich hatte mir jemand, der dabei gewesen war, davon erzählt, oder ich hatte mir alles ausgedacht. Eines aber, da war ich mir ganz sicher, hatte ich mit eigenen Augen genau gesehen: den Rand der Wanne, in der ich zum ersten Mal gebadet wurde. Es war eine nagelneue Holzwanne gewesen, und aus dem Innern hatte ich einen Lichtstrahl wahrgenommen, der auf ihren Rand fiel. Allein diese eine Stelle war in glei- ßendes Licht getaucht, sie schien wie aus Gold. Das Wasser schwappte mit seinen kleinen Zungen empor, als wollte es den Lichtfleck lecken, doch es gelang ihm nicht. Unter dem Wannenrand aber, vielleicht weil sich das Licht darin spiegelte oder sogar direkt dort einfiel, leuchtete das Wasser sanft, es sah aus, als würden kleine schimmernde Wellen unablässig mit ihren Köpfen aneinanderstoßen …

Was am stärksten gegen meine Erinnerung sprach, war, dass ich nicht tagsüber zur Welt gekommen bin. Ich wurde abends um neun Uhr geboren. Die Sonne konnte unmöglich geschienen haben. Als sie mich damit neckten, dass es sich wohl um das Licht einer elektrischen Lampe gehandelt haben müsse, verstieg ich mich problemlos in den absurden Gedanken, dass auch bei Nacht nur diese eine Stelle noch von der Sonne beschienen worden sein könnte. Und so hielt sich der im Licht flackernde Wannenrand in meiner Erinnerung als etwas, das ich tatsächlich beim ersten Bad nach meiner Geburt gesehen hatte.

Ich wurde zwei Jahre nach dem großen Erdbeben geboren.

Zehn Jahre zuvor war mein Großvater bei einem Koruptionsskandal in seiner Zeit als Kolonialgouverneur für die Schuld eines Untergebenen eingestanden und von seinem Posten zurückgetreten. (Ich will nichts schönreden, aber ich habe in meinem Leben, das erst halb so lang währt wie das seine, niemanden getroffen, der wie mein Großvater ein solch absolut törichtes Vertrauen in seine Mitmenschen an den Tag legte.) Danach ging es mit unserer Familie schnell bergab, doch alle schienen dabei vollkommen unbekümmert. Gigantische Schulden, Beschlagnahmungen, der Verkauf unseres Anwesens, begleitet von einer krankhaften Eitelkeit, die wie ein dunkler Trieb mit zunehmender Bedrängnis immer größere Ausmaße annahm.

So kam ich in einem alten Mietshaus in einem nicht sonderlich feinen Teil der Stadt zur Welt.

Yukio Mishimas autobiografischer Roman war bei seinem Erscheinen 1949 ein weltweiter Sensationserfolg. Er erzählt eindringlich, was es bedeutet, nicht dazuzugehören und sich Zwängen unterwerfen zu müssen, die einen zerreißen. Yukio Mishima wurde 1925 in Tokyo geboren und war Autor zahlreicher Romane, Dramen, Kurzgeschichten, Essays und Gedichte. Nobelpreisträger Yasunari Kawabata war sein Mentor. Sein Werk überschreitet bis heute inhaltliche und stilistische Grenzen und macht ihn zu einem der wichtigsten japanischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Mishima beging 1970, nach einem gescheiterten politischen Aufruf zur Wiedereinsetzung des japanischen Kaisers, rituellen Selbstmord und ließ sich dabei von seinem Liebhaber filmen (das Bildmaterial findet sich bis heute im Internet).

Nora Bierich, 1958 geboren, hat Philosophie und Japanologie studiert, übersetzt aus dem Japanischen und lebt in Berlin. Sie übersetzte Werke von Autoren wie Haruki Murakami, Kenzaburō Ōe, Furui Yoshikichi und Rika Yokomori und wurde bereits mit dem Übersetzerpreis der Japan Foundation ausgezeichnet.

Bekenntnisse einer Maske von Yukio Mishima. Originaltitel: Kamen no Kokuhaku. Aus dem Japanischen von Nora Bierich.

Ab 13.November bei Kein & Aber

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