Weekend

Leseprobe: AM ENDE DER REISE von Edward Docx

15. September 2017

Wie verbringt man die letzten Tage mit seinem Vater, der sich für Sterbehilfe entschieden hat? Ein umwerfender Roman, der mit viel Humor familiäre Beziehungen seziert und dabei keine Gefühlslage außer acht lässt. Es wird gekämpft, gestritten, gelacht und getrunken… Am Ende bleibt eine erfüllte Stille.

Ich hätte mich niemals darauf einlassen sollen.

Das ganze Ausmaß wird mir leider erst klar, als wir in Dover ankommen und zum Fährterminal abbiegen. An der Passkontrolle kurbele ich das Fenster herunter, ein kalter Windstoß bläst herein – Meeresluft, Diesel, Schifsrost –, und die Möwen kreischen, als wäre gerade jemand umgebracht worden. Ich reiche der Kontrolleurin unsere Pässe.
» Urlaub ? « , fragt sie.
Ich ringe mir ein Lächeln ab. »Ja.«
Sie wirft einen Blick auf Dad, und ich lehne mich zurück, damit sie an mir vorbeischauen und entscheiden kann, ob wir möglicherweise aus irgendeinem irrwitzigen Grund die Fähre in die Luft jagen wollen. Wir sitzen in einem heruntergekommenen Campingbus, weil wir kein richtiges Auto haben. Dad schläft auf dem Beifahrersitz, und das fühlt sich komplett falsch an, weil er sonst jeden Sommer in dieser Situation hinter dem Steuer saß, noch lange, nachdem meine älteren Brüder nicht mehr mitkommen wollten und nur noch ich und meine Eltern übrig waren.

Ich bekomme die Pässe zurück und stecke sie in das kleine Fach unter dem Lenkrad, als hätte ich hier das Sagen. Dann atme ich bewusst die Meeresluft ein, tue so, als würde mich das total überraschen, was es auch jedes Mal tut, und rolle auf das nächste Häuschen zu, wo einem ein Typ von der Fährgesellschaft so einen länglichen Zettel gibt, auf dem die Nummer der Schlange steht, in die man sich einreihen soll. Auf unserem steht »76«, fünf Jahre älter als Dad. Ich hänge ihn an den Rückspiegel und fahre zu den aufgereihten Autos, die es alle kaum erwarten können, auf das Schif zu gelangen. Und plötzlich wallen die Emotionen in mir auf, und ich weiß nicht, wo ich hinschauen oder wie ich mich verhalten soll.

Zu diesem Zeitpunkt sprang Dad immer aus dem Auto, um Tee aufzusetzen, als wäre er einer dieser Formel-1-Mechaniker, bei denen jede Sekunde zählt. Und weil der Bus damals zu vollgestopft war, um unterwegs die Kochplatte auszupacken, und er wahrscheinlich Ralph und Jack nicht stören wollte, die gerne mal einen Aufstand anzettelten, hockte er sich mit dem kleinen Campingkocher auf den Asphalt. Und ich hockte mich jedes Mal daneben und beobachtete, wie das blaue Flämmchen im Wind flackerte, die Hände auf die Knie meiner besten Sommerferienjeans gestützt, fünf Jahre alt, aber im Geiste ebenfalls bei Ferrari unter Vertrag. Meine Brüder lasen währenddessen im Bus, und meine Mutter ließ die Hand mit der Lucky-Strike-Zigarette aus dem Fenster hängen und hofte inständig, dass wir nicht dran wären, bevor das Wasser kochte, da sie genau wusste, dass Dad nicht aufhören würde, bevor er nicht sein »Tässchen Tee« gehabt hätte, wie sie gerne in bester britischer Manier erklärte.

Als nächstes muss ich jetzt also überlegen, ob Dad und ich einen Tee trinken sollen, während wir in der Schlange warten, den ich selbst aufsetzen müsste, da seine Feinmotorik schon dabei ist, »kontinuierlich nachzulassen«, wie es in einem der achthundert PDFs heißt, die ich zum Thema »Was auf Sie zukommt« und »Wie Sie sich am besten vorbereiten« gelesen habe. Und das hier ist nur eine weitere unmögliche Entscheidung, die wir zu trefen haben.

Ein Mann in Warnweste winkt uns in »Spur 76« zu den anderen Kleinbussen und Geländewagen. Ich fahre vor, und die Handbremse knarzt wie eine alte Uhr, die man bis zum Anschlag aufzieht. Und da ich zu aufgewühlt bin, um mit Dad zu reden, öfne ich meine Tür und steige aus, alles in einer einzigen, schnellen Bewegung – als wäre ich derjenige, der dauernd Krämpfe in den Beinen bekommt.

Ich bereue jedoch sofort, den beschissenen Bus verlassen zu haben. Jetzt stehe ich nämlich auf dem Parkplatz vor den getönten Scheiben eines Geländekombis mit Kajaks auf dem Dach und Fahrrädern am Koferraum, und der Familienvater steigt aus und sagt: »Alles klar, zwei Cappuccinos und einen Latte«, und er wirft mir über die Motorhaube einen Blick zu, als wäre er irgendein großer Anführer oder so, und als müsste ich wissen, was für ein toller Vater er sei und was für einen tollen Krieger er abgeben würde, wenn er denn müsste, was nicht der Fall ist. Und ich zittere und denke, vielleicht jage ich die Fähre ja doch noch in die Luft. Ich drehe mich um und schiebe die quietschende Seitentür des Busses auf, die mal wieder geölt werden müsste, aber wann bitte sollen wir das machen?

»Wir gehts dir, Dad?«, frage ich.

Porträtfoto von Edward Docx: © Ornella Cacace
Im Original lautet der Titel etwas rührender: Let Go My Hand

Edward Docx, AM ENDE DER REISE, die 512 Seiten dauert, bei keinundaber.ch

© 2021 Robert’s