Daily Life

Leseprobe: ALLES ÜBER HEATHER von Matthew Weiner

24. November 2017

Das erste Buch des Schöpfers von Mad Men: Ein kleiner Band. Ein großer Roman. Mark und Karen Breakstone haben spät geheiratet. Bald kündigt sich Nachwuchs an, die Tochter wird auf den Namen Heather getauft, und die kleine, wie es scheint, recht perfekte Familie lebt ihr von materiellen Sorgen freies Leben in Manhattan. Doch das Dreieck Vater-Mutter-Kind ist labil. Heather, das von allen vergötterte Mamakind, verändert sich, als sie in die Pubertät kommt, sie wendet sich von der Mutter ab, die das nicht verkraftet.
Parallel erzählt Matthew Weiner das Schicksal von Bobby Klasky, Kind einer drogensüchtigen Prostituierten, geboren in die Hölle hinein. Sein Lebensweg führt ihn nach einer Vergewaltigung ins Gefängnis, wo ihm der letzte Rest von Menschlichkeit abhanden kommt. Als sich die beiden Geschichten kreuzen, kann es nur zur Katastrophe kommen. Und im Mittelpunkt steht, ohne es zu wissen, Heather.

Mark und Karen Breakstone hatten eher spät geheiratet.

Karen war schon fast vierzig und längst jenseits aller Hoffnung, jemanden zu finden, der es mit ihrem Vater aufnehmen konnte; und über die siebenjährige Beziehung, die sie nach dem College mit ihrem ehemaligen Kunstdozenten geführt hatte, wusste sie mittlerweile auch nicht mehr viel Gutes zu sagen. Als man sie mit Mark verkuppeln wollte, hätte sie das Date deshalb fast platzenlassen, sprach für den Mann doch eigentlich nur, dass er eines Tages vielleicht reich sein würde. Andere Vorzüge hatte ihre Freundin, lang verheiratet und zum dritten Mal schwanger, nicht erwähnt. Karens verheiratete Freundinnen schienen wie besessen von der Tatsache, dass sie, die Frühverheirateten, sich damals nie Gedanken übers Geld gemacht hatten. Heute, älter geworden, hielt die Sorge um ihre Altersabsicherung sie nachts wach. Karen wollte immer noch einen attraktiven Mann. Sie fand, es wäre ein unerträglicher Kompromiss, täglich in ein hässliches Gesicht starren und sich besorgt fragen zu müssen, ob ihre Kinder später wohl gerade Zähne im Mund haben würden.

Mark getroffen hatte bisher keine von den Frauen. Sie wussten, er hatte einen guten Job, kam aber nicht aus Manhattan, und Karen hätte vielleicht den Mann einer Freundin ausfragen können, der Mark kannte, doch blieb seinerzeit, da es ja noch keine Mails und SMS gab, für genauere Nachforschungen einfach nicht genug Zeit. Mark hatte ihre Telefonnummer, und wenn er sie wählte, würde sie bestimmt nicht den Anrufbeantworter anspringen lassen. Außerdem klang er ganz nett, auch ein bisschen nervös, was bedeutete, dass er immerhin kein routinierter Frauenaufreißer war. Also verschob Karen ihr Date zweimal, um sich dann, immer noch ohne allzu große Begeisterung, auf einen Drink zu verabreden, was vielleicht ganz prickelnd gewesen wäre, hätte Karen nicht darauf bestanden, ihr Treffen auf einen Sonntagabend zu legen.

Im Schummerlicht der Bar wirkte Mark gar nicht einmal übel, wenn auch unscheinbar, so wie manche Frauen unscheinbar aussehen. Er schien über keinerlei besondere Merkmale zu verfügen, allerdings waren seine Züge auch nicht so ebenmäßig, dass er attraktiv gewirkt hätte. Sein Gesicht war von jugendlicher Fülle, die Nase rund, die Wangen pausbäckig, aber irgendwie wirkte er mit seiner schlanken Figur wie jemand, den man kaum richtig wahrnahm.

 

Während sie überlegten, ob sie sich noch einen Drink genehmigen sollten, erzählte er, wie ihm jemand im Büro das Mittagessen aus dem Kühlschrank weggegessen hatte. Es kam nicht darauf an, wer es gewesen war, aber er hatte einen Verdacht, weil er am Ärmel einer Empfangsdame einen Senffleck gesehen hatte.

Das Foto von Matthew Weiner hat Jeff Vespa aufgenommen

Nur 16 Euro für eine unterhaltsame Geschichte

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