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Leseprobe: 32 TAGE JULI von Christoph Schulte-Richtering

29. April 2017

Ein Buch, das diesen Sommer in der Strandtasche nicht fehlen sollte ist 32 TAGE JULI von Christoph Schulte-Richtering. Seit vielen Jahren arbeitet er als Autor und Coach für TV-Produktionen, u.a.“Wetten dass..?“. Er schrieb für Bill Murray, Stefan Raab, Thomas Gottschalk, Joko Winterscheidt und berichtete von der Oscar-Verleihung in Hollywood.Er muss also Humor haben. In 32 TAGE JULI erzählt er wie zwei Männer eine Reise wiederholen, die sie vor dreißig Jahren schon einmal gemacht haben, damals, im heißen Abi-Sommer, in dem Jayjay und Tiggy zum ersten Mal allein losfuhren: Es war ein Aufbruch in die ganz, ganz großen Ferien und in das Chaos, das zum Erwachsenwerden dazugehört.Viel Spass bei dieser Leseprobe und später dem ganzen Buch.

«Fledermäuse am Meer sind doch auch nicht viel mehr als betrunkene Möwen», ...

… murmelte Tiggy und drückte sich an der goldgelb beleuchte-
ten Promenade vorbei, um die Treppe zum Strand hinab ins Dunkel zu
steigen. Und in der Tat: Unmengen von Fledermäusen torkelten um die
Laternen, waren kurz sichtbar, drehten sofort wieder ab und verschwan-
den in der Nacht, um wenige Sekunden später zurückzukehren und das
für menschliche Ohren stumme Spiel zu wiederholen.
Das war hier um vier Uhr morgens die einzige hektische Bewegung.
Ansonsten platschten nur die schwarzen Wellen sanft an den Strand,
und von der Felswand wehte ein Hauch, der die immer noch warme
Luft angenehm kühlte. Der Atlantik aber, der war in der Nacht eisekalt
und abweisend. Hier an der Algarve, so sagen die Fischer, stürzt Euro-
pa sich ins Meer. Wo es sonst Sonne, Sand, Sardinen satt gibt, wo vom
frühen Morgen an die Souvenirhändler Cristiano-Ronaldo-Trikots an-
preisen, wo ein Liliputaner im rosa Hasenkostüm gegen Trinkgeld Ka-
priolen macht und wo die Speisekarten seit ein paar Jahren sechsspra-
chig sind: Hier, unterhalb der nächtlichen Promenade verschluckt die
Weite des Atlantiks den letzten Sound des portugiesischen Touristen-
städtchens. Der Strand schläft.
Wer jetzt die beiden Männer beobachtet hätte, die im Dunkel des
Ufers leise fluchend eine große, reifenförmige Schwimmente und eine
bunte Luftmatratze aufbliesen, der hätte sie vielleicht für betrunken ge-
halten. Wer zusätzlich noch die Plastiktüte mit Taucherbrillen, Flossen,
Seil und Unterwasserscheinwerfer sowie den halben Eimer stinkender
Fischabfälle bemerkt hätte, dem wäre womöglich der Verdacht gekom-
men, es mit zwei verrückten Anglern zu tun zu haben, die eventuell auf
der Jagd nach Espadas waren, den Degenfischen, die die Fischer hier vor
der Küste aus der tiefen See holen. Aber erstens war kein Neugieriger
in der Nähe, der sie hätte beobachten können – und zweitens waren die
beiden Herren nichts dergleichen: weder betrunken noch verrückt. Die
Männer waren stocknüchtern und ganz bei sich, denn sie hatten einen
Plan: Sie waren auf der Suche nach einer Leiche und wussten, wo sie
suchen mussten.
Die beiden Männer kickten die Adiletten von den Füßen, zogen ihre
Klamotten aus und versteckten sie gut unter einem Felsvorsprung. Der
eine begann umständlich, sich die mittlerweile aufgeblasene Schwimm-
ente anzuziehen: Genau genommen war es keine Ente, sondern eine Gi-
raffe, aber das tut nicht viel zur Sache. Erst stieg er von oben in den Ring
des Gummitiers rein, bis der Bauchansatz die Giraffe stoppte. Damit
war er unzufrieden. Er stieg wieder heraus, um sie anschließend über
den Kopf zu ziehen, bis wiederum der Bauchansatz die Aktion stoppte,
diesmal von unten her. Schließlich entschloss der Mann sich seufzend,
die Giraffe als Luftmatratze zu verwenden, und legte sich im Sand pro-
beweise auf sie drauf. Seine kleine Wampe passte genau in die wie dafür
vorgesehene Höhlung des Rings. Ein etwas kompliziertes Szenario, das
als «lächerlich» zu bezeichnen der Erzähler keine Sekunde zögern wür-
de – wenn die Sache nicht einen kleinen Haken hätte: Der Mann auf der
Giraffe war ich.
Mein Name ist Jonas Jenkner, von Freunden werde ich trotz meines
Alters von mittlerweile siebenundvierzig Jahren immer noch Jayjay ge-
nannt. Ja, ein kleines Bäuchlein gibt es, aber das ist nichts im Vergleich
zu der ansehnlichen Biertonne meines Freundes Tiggy, die erstaunli-
cherweise von zwei dürren, zerbrechlichen, porzellanfarbenen Beinen
getragen wird. Tiggy ist zwar einen Kopf kleiner als ich, wiegt aber zehn
Kilogramm mehr: Tiggy, mein ältester Freund, seit über dreißig Jah-
ren. Tiggy heißt eigentlich Christian Strohm und ist beruflich so eine
Art Heuschrecke für die Übernahme von Fernsehproduktionsfirmen.
Tiggy, der Sammler: Früher sammelte er Schlümpfe und Fantasy-Figu-
ren, dann Aufkleber aller Art. Dann – noch mit Mitte dreißig – Poké-
mons. Und natürlich Frauen! Tiggy ist der lebende Beweis dafür, dass
man nicht gut aussehen muss, um einen Ruf als veritabler Casanova zu
genießen. Woran das liegt? Ich weiß es bis heute nicht. Vielleicht an
seiner Art des beherzten Zugriffs auf Dinge und Menschen. Er fackelt
nicht lange, ohne dabei je aufdringlich oder unangenehm zu wirken. Er
weiß, was er will – und das hilft ihm. Auch beruflich sammelt er nach
wie vor: Firmen in Europa und Übersee, die er tauscht, kauft und ver-
kauft, als seien es die Schlümpfe von damals, obwohl er dabei statt mit
Pfennigbeträgen mit Millionensummen jongliert.

Christoph Schulte-Richtering, 19,95 Euro, www.rowohlt.de

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