Daily Life

Filmtipp: WER 4 SIND

13. September 2019

Thomas Schwendemanns abendfüllender Kinodokumentarfilm porträtiert die Gegenwart der FANTASTISCHEN VIER, zeigt ihre Lebenswirklichkeit und offenbart die Unterschiedlichkeit dieser vier faszinierenden Charaktere

„Willkommen zu der bunten Welt der Fantastischen Vier!“ So herzlich begrüßt uns And.Ypsilon in der Anfangsszene von WER 4 SIND

„Sie sind einfach normal“, heißt es da gleich über Thomas D., Smudo, Michi Beck und And.Ypsilon. Dazu laufen Aufnahmen einer Improv-Session inklusive Flammen werfendem Bunsenbrenner. Samy Deluxe kommt ins Bild und hat so seine eigene Meinung über Die Fantastischen Vier: „Die sind einfach verrückt“ Wir dürfen uns kurz fragen: Normal? Nicht normal? Im Lauf der nächsten gut anderthalb Stunden des Kinodokumentarfilms wird man leicht feststellen: Es stimmt beides. Ganz normale Bekloppte.

Schwendemanns WER 4 SIND befragt nicht nur Wegbegleiter und intime Kenner. Er dokumentiert unter anderem im Jahr 2017 die Aufnahmen zum zehnten Album der Fantastischen Vier: „Captain Fantastic“. Die Hit-Single „Zusammen“ nimmt die Band gemeinsam mit Clueso auf. Man wird Zeuge des peniblen aber lässigen Aufnahmeprozesses, und wir sind sogar mit dabei, als die Band den Gaststar anfragt. Es gibt überhaupt keine Berührungsängste.

Was bis dahin geschah? Die Fantastischen Vier steigen aus ihrem ehemaligen Boom-Car, dem roten Opel Admiral, und schauen runter auf Benztown. Ein perfekter Moment, um den Ist-Zustand zu reflektieren – mit einer Prise Vergangenheitsnostalgie und einem Fingerhut Zukunftsvision. WER 4 SIND bleibt sich von diesem Filmmoment an genau so treu, wie die Band sich seit 30 Jahren treu bleibt. Es geht weder um Gestern noch um Morgen. Es dreht sich ums Jetzt. Die ruhmreiche Geschichte wird nebenher miterzählt. Und seien wir doch auch genau so ehrlich wie die Vier: Wie es demnächst sein wird, kann eh keiner wissen.

Nur eins ist sicher: Jedes neue Album muss das Beste sein. Auch das zehnte. Und neben den Archivbildern fällt schnell die besondere Qualität der aktuellen Filmsequenzen für WER 4 SIND ins Auge. Sie trifft uns quasi durch die Brust ins Herz. Etwa die Szenen aus dem Studio, in dem „Captain Fantastic“ entsteht. Überall ist die Kamera hautnah dabei, dennoch wirkt die Atmosphäre immer locker, ohne dass irgendjemand ins Schwafeln gerät. Das nennt man wohl richtiges Fingerspitzengfühl. Es scheint auch nötig. Schließlich geht es in WER 4 SIND nicht nur um 30-jährige Bandgeschichte und die Begleitung eines komplexen kreativen Prozesses. Ein Kernthema ist: Freundschaft.

Die Band beschreibt in WER 4 SIND tatsächlich den legendärsten Moment ihrer eigenen Historie. Auf der Tour zum zweiten Album „4 gewinnt“ bildete sich vor dem Schwimmbadclub Heidelberg eine lange Menschenschlange. Da standen drei Mal so viele Leute vor der Tür wie in die Location passten. Die Jungs waren baff und überlegten sogar, ob sie drei Gigs hintereinander spielen sollten. Ihr Manager Andreas „Bär“ Läsker verkaufte fleißig Merch und rief gleichzeitig beim Booker an, damit der ein paar größere Konzertsäle buchte. Eine Initialzündung. Hier in Wort und Bild. Die Fantastischen Vier waren auf einmal richtige Popstars. Aber darum geht es hier eigentlich gar nicht. Schon eher um einen interessanten Gedanken: So eine Schlange kann dir – bildlich gesprochen – irgendwann die Luft nehmen, Popularität sich in eine Art Gift verwandeln.

Warum sind Die Fantastischen Vier noch so lebendig? WER 4 SIND liefert da so manche Antwort. Dabei entlockt Schwendemann den vier sehr verschiedenen Charakteren an ihren Lebensschwer- punkten in Berlin, Hamburg, Stuttgart und in der Eifel (oder sogar hoch in der Luft) ganz schön persönliche Aussagen. Wir erfahren einiges über ihr Privatleben und ihre jeweilige Beziehung zur Band. Die Rolle, die sie darin spielen. Es geht um die Unterschiede und den kleinsten gemeinsamen Nenner – der riesengroß ist: Die Fantastischen Vier. Der Film dokumentiert aber auch Veränderun- gen im künstlerischen Bereich. Michi fasst die Entwicklung so zusammen: Früher hätten sie darauf geachtet, dass es nicht zu Teenie-mäßig wird, heute darf es nicht so Rentner-mäßig daherkommen.

Thomas Schwendemann porträtiert in WER 4 SIND das Phänomen Die Fantastischen Vier – dynamisch und intim zwischen spontaner Kreativität und allfälligen Schreibblockaden. Ihre stabile Haltung. Ihren speziellen Vibe. Aber er bringt uns darüber hinaus die vier als Menschen näher. Lässt sie die Wege beschreiben, die sie in den letzten 30 Jahren gegangen sind. Die Kreise nachvollziehen, die sie gezeichnet haben. Den Soundtrack zu ihrer vierstimmigen Vita haben Die Fantastischen Vier ja schon längst geschrieben. Und der Regisseur setzt die Songs an den passenden Stellen ein. Dazu montiert er virtuos und unaufdringlich historisch wertvolles Footage in die Gegenwart.

Fotos: F4 / Konzert Schleyerhalle, © Kick Film GmbH; Michi Beck, Thomas D, Smudo, © Kick Film GmbH; F4 / Jam Session: Captain Fantastic 2, © Kick Film GmbH; F4, Clueso / Videodreh: Zusammen, © Kick Film GmbH

WER 4 SIND

Regie und Drehbuch: Thomas Schwendemann

Ab 15.September im Kino

© 2021 Robert’s