Daily Life

Filmtipp: FREIES LAND

10. Januar 2020

1992 in Ostdeutschland: Über dem Land schwebt die vage Hoffnung auf eine rosige Zukunft, doch auf dem Boden der Tatsachen macht sich Enttäuschung breit. Dieser deutsche Winter der Unzufriedenheit entführt zwei sehr unterschiedliche Ermittler in ein entlegenes Dorf, aus dem zwei Schwestern spurlos verschwunden sind

"Ich glaube nicht an einfache Wahrheiten und klare Bilder von Gut und Böse." Trystan Pütter

Zunächst scheint der Fall klar: in den Westen abgehauen sind sie, so die einsilbige Aussage der Nachbarn. Wer wollte schließlich nicht dem allzu schnellen Niedergang der Region entfliehen? Die beiden Kommissare Stein (Trystan Pütter) und Bach (Felix Kramer) wundern sich zunehmend darüber, dass sich am Verschwinden der Schwestern scheinbar niemand stört, es herrscht diffuses Schweigen. Und auch bei der Kriminalleitung ist man selbst dann kaum interessiert als sich herausstellt, dass bereits früher Mädchen aus dem Dorf verschwunden sind. Als dann die schwer misshandelten Leichen der beiden Schwestern gefunden werden, dämmert Stein und Bach, dass sie es mit einer Mordserie zu tun haben und mit einer zutiefst verstörten Gemeinschaft, in der die Wahrheit ihren Wert verloren hat.

Regisseur Christian Alvart („Antikörper“, „Dogs of Berlin“, „Steig. Nicht. Aus.“) inszeniert seine beiden von Felix Kramer und Trystan Pütter genial verkörperten Ermittler mit großem Gespür für die Dichte und Temperatur, die für einen vielschichtigen Thriller unentbehrlich sind. Ihm gelingt eine zutiefst beunruhigende, aufregende und scharfsichtig komponierte Geschichte, die von einer schmerzenden Wunde aus unserer jüngsten Vergangenheit erzählt.

Statement des Regisseurs:

Nach nunmehr 30 Jahren Nachwendezeit zeigt sich mit wachsender Deutlichkeit, was für ein radikaler Bruch die Wieder-vereinigung für die meisten Deutschen, vor allem (aber nicht nur) im Osten bedeutete. Im Freudentaumel der Wende kamen Ängste, Erschütterungen, Traumata nur leise und das Wunder-Narrativ störend zur Sprache.

Doch dieses fundamentale Ereignis schickt auch heute noch Schockwellen durchs Land. Wir müssen immer wieder neu erfahren, wie nachhaltig es Menschen prägt, wenn Systeme zusammenbrechen, Lebenswirklichkeiten über den Haufen geworfen werden und, im Falle der DDR, ein ganzes Land abgewickelt wird. Renovierte Straßen und Fassaden täuschen nicht länger über tiefgehende Verletzungen hinweg. Manchmal entsteht ein unverstellter Blick erst in der Distanz. Anlässlich des dreißigjährigen Jubiläums, aber auch der politischen Zerrissenheit des Landes, beschäftigt sich die Nation mit den Geburtsstunden des wiedervereinten Deutschlands. Was lief damals falsch? Was hat Narben hinterlassen? Wo ist man sich unehrlich begegnet, hat seine Vorurteile in die „neue“ Beziehung mit eingebracht?

Viele Filme beschäftigen sich mit den Ereignissen der Wende, andere mit dem Erstarken der Rechten im ehemaligen Osten. Es gibt starke Sozialdramen und historische Komödien. Das Wesen des Thrillers ist die Beschäftigung, die Auseinandersetzung mit der Angst.

FREIES LAND nähert sich dem Thema mit den Werkzeugen des Genres. Mit LA ISLA MÍNIMA – MÖRDERLAND (2014) fand sich eine starke Vorlage, die ihrerseits anhand des Kriminalfalls ein Portrait Spaniens in der Post-Franco-Ära zeichnet. Für die deutsche Version bot sich in der Begegnung der beiden Kommissare die Möglichkeit, sie als eine Begegnung von Ost und West zu erzählen, als ein Aufeinanderprallen unterschiedlicher Charaktere mit radikal entgegengesetzten Lebensläufen – nicht nur exemplarisch, sondern auch als Individuen. Und es geht nicht um urbane Wirklichkeiten, sondern die Landstriche, die seit Jahrzehnten ausbluten. Dort, wo junge, hoffnungsvolle Menschen nur die Tage zählen, bis sie weg können. Und wo man sich vielleicht nicht so schnell wundert, wenn junge Frauen verschwinden.
Die Ängste des Westlers vor dem unbekannten Osten und des Ostlers vor der unbekannten Zukunft begleiten die Ermittlungen und finden ihren Ausdruck in teilweise mystisch überhöhten Begegnungen. Unsere gebrochenen Helden jagen ein Phantom in einem kargen Landstrich, der von Frost und Rost überzogen ist, als ob der Ereignissturm der Nachwende das Land in einem buchstäblichen Schockzustand festgefroren hält. Unsicherheit prägt nahezu alle Figuren, es gibt keine Gewissheiten mehr, und hinter jeder Antwort lauert die nächste Frage.

Fotos: © Verleih Telepool

FREIES LAND. Ein Film von Christian Alvart mit Felix Kramer, Trystan Pütter, Nora Waldstätten

Seit 9.Januar im Kino

© 2020 Robert’s