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Filmtipp: FINAL PORTRAIT

9. Februar 2018

Regisseur Stanley Tucci überzeugt mit einem faszinierenden Spielfilm über einen der wichtigsten Künstler der Moderne, eine ungewöhnliche Männerfreundschaft und den durchaus komödiantischen Entstehungsprozess eines Werks. Geoffrey Rush ist großartig in der Rolle des Alberto Giacometti. Ebenso beeindruckend sind Armie Hammer als Freund und „Modell“, sowie Clémence Poésy als Giacomettis Geliebte und Sylvie Testud als seine Ehefrau

Der Film

Zwei Stunden nur, vielleicht drei, allerhöchstens ein Nachmittag – länger werde es auf keinen Fall dauern, ihn zu porträtieren. Das verspricht Alberto Giacometti (GEOFFREY RUSH) seinem amerikanischen Freund, dem Schriftsteller James Lord (ARMIE HAMMER), als dieser wieder einmal Zwischenstopp in Paris macht. Lord fühlt sich geschmeichelt und sein Interesse ist sofort geweckt. Seit zwölf Jahren kennt er Giacometti – nun wird er erstmals vorgelassen in sein Heiligtum in der 46 rue Hippolyte. Ein kleines Atelier, unordentlich, unaufgeräumt. Würden nicht überall die Skulpturen Giacomettis in ihren unterschiedlichsten Stadien der Entstehung herumstehen – spindeldürr, ausgemergelt, in die Höhe treibend, wie kahle Bäume ohne Blätter – man käme nie auf die Idee, dass an diesem bescheidenen Ort einer der berühmtesten Künstler seiner Zeit wohnt. Giacometti hat sich äußerlich seinem Atelier angeglichen. Sein krauses Haar steht ab, seine Kleidung sieht aus, als hätte er sie seit Wochen nicht gewechselt, die meiste Zeit hängt eine Zigarette von seinen Lippen. Er ist das genaue Gegenteil des elegant und sorgfältig gekleideten, penibel frisierten Lord, der mit wachen Augen das Treiben in Giacomettis Studio verfolgt, ihm zusieht, wie er sein Modell bittet, auf einem Stuhl neben der Staffelei Platz zu nehmen.

Die Arbeit kann beginnen. Und sie ist nach wenigen Strichen schon wieder beendet. Schnell ist Giacometti abgelenkt, das Leben kommt dazwischen, seine Konzentration und Inspiration verlassen ihn. Er vertagt die Arbeit. Das sei doch kein Problem für Lord? Der Amerikaner holt tief Luft: Eigentlich hat er einen Heimflug nach New York am übernächsten Tag gebucht, weil er dort wichtige Termine hat.

Lord wird noch öfter seinen Flug verschieben und Giacometti zweifelt, trinkt, raucht und lebt seine Liebschaften aus. Er quält sich selbst und seine Umfeld, zerstört und liebt zugleich so umwerfend sympathisch, daß ihn selbst die Zuhälter mögen. Ein charmanter Film mit wunderbaren Schauspielern.

Regisseur Stanley Tucci über die Männer in FINAL PORTRAIT

„Ich habe Geoffrey Rush (Alberto Giacometti) natürlich ausgewählt, weil er ein großartiger Schauspieler ist – aber auch weil ich finde, dass er durchaus eine Ähnlichkeit mit Giacometti hat. Natürlich mussten wir in Sachen Maskenbild noch einmal nachhelfen, denn Geoffrey Rush hat einen ganz anderen Körperbau als Giacometti. Er ist dünn und schlaksig, Giacometti war klein, untersetzt und muskulös. Weil Geoffrey immer voll und ganz in seinen Rollen aufgeht, eine positive Ausstrahlung auf der Leinwand hat und sehr lustig ist, war er für mich die perfekte Wahl als Giacometti. Die Suche nach einem geeigneten Darsteller für Lord gestaltete sich schwieriger. Irgendwann fiel der Name Armie Hammer, den ich zuvor in ein paar Filmen gesehen hatte. Wir trafen uns und er sprang sofort auf das Drehbuch an. Nach ein paar großen Hollywoodproduktionen fand er, dass die Zeit für ihn gekommen war, sich als Schauspieler in kleineren, unabhängigen Produktionen zu beweisen. Tony Shalhoub (Diego Giacometti) ist für meine Begriffe einer der größten Schauspieler überhaupt. Ich kann es mir nicht vorstellen, bei einer meiner Regiearbeiten nicht mit ihm zusammenzuarbeiten.“

Fotos: PROKINO

Der Film lief außer Konkurrenz auf der 67.Berlinale 2017 und ist jetzt als DVD und Video-on-Demand erhältlich.

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